Foto: Jakob Richter
Fans der SG Leipzig Leutzsch brüllen am Sonntag im Kunze-Sportpark in Richtung des Gästefanblocks. Ein Anhänger zeigt dabei die Abwandlung des Hitlergrußes, den so genannten Kühnengruß.
Leipzig. Das Landespokal-Derby zwischen Roter Stern Leipzig und der SG Leipzig Leutzsch erhitzt weiter die Gemüter. Dabei steht weniger der klare Sieg für die am Sonntagnachmittag um Klassen besser auftretenden grün-weißen Landesligakicker in der Diskussion, als die Geschehnisse auf den Rängen rings herum. Vor, während und nach der Partie im Alfred-Kunze-Sportpark hallten Sprechchöre durch das Leutzscher Holz, in denen einige SGLL-Anhänger unverhohlen ihre offenbar rechtsextreme Gesinnung bekundeten.
Arische Begrüßung und ostdeutsches Rindvieh
„Schon als wir am Stadion ankamen, riefen uns Fans der SGLL zu: Teutonisch, barbarisch, wir Leutzscher, wir sind arisch. Das setzte sich auch während des Spiels fort“, berichtet Jürgen Kasek. Der Politiker von Bündnis90/Grüne und Rechtsanwalt ist seit Jahren bekennender Fan des wegen ihres Einsatzes gegen Diskriminierung vom Deutschen Fußball Bund (DFB) ausgezeichneten, alternativen Stadtteilvereins aus Leipzig-Connewitz und war mit gut 500 weiteren Fans am Sonntagnachmittag in den Kunze-Sportpark gekommen. Zusammen harrten sie im Gästeblock den Dingen, die immer ausufernder auf sie hereinbrachen, antworteten gelegentlich mit einem „Kühe, Schweine, Ostdeutschland“ oder „Nazis raus“ den Schmähungen aus dem mit gut 700 Fans besetzten Rest des Stadions.
Als die ohnehin angespannte Lage in der 70. Minute zu eskalieren drohte, die Polizei einen Zusammenstoß beider Fangruppen am Zaun des Gästeblocks gerade noch verhindern konnte, stand Kasek direkt hinter der Auswechselbank der Gäste: „Zum Teil gab es da unfassbare Beleidigungen, antikommunistische, und pro-deutsche Sprüche aus dem Publikum, während auf der Gegengeraden die ein oder andere deutliche Armbewegung gezeigt wurde und ähnliche Meinungsäußerungen weder zu übersehen noch zu überhören waren“. Auch als die Partie beendet war, sollte der Unmut mancher SGLL-Anhänger noch nicht enden: „Nach dem Spiel rief mir dann auf dem Parkplatz ein älterer Mann zu, man solle uns alle ausräuchern.“, sagte der Grünen-Politiker.
Rechtsnationaler Gruß und Führerlied im Leutzscher Fanblock
Auch Kaseks Parteikollegin Monika Lazar ist Anhängerin des Connewitzer Vereins und war am Sonntag mit im Kunze-Sportpark. „Das war gestern in mehreren Hinsichten kein schönes Erlebnis. Neben Gesten aus dem Leutzscher Fanblock, wie dem ‚Kühnengruß’ und rechtsnationalen Kleidungsstücken, sind mir mehrere unangenehme Sprechgesänge in Erinnerung geblieben“, erklärte die Bundestagsabgeordnete gegenüber LVZ-Online. Persönlich habe sie mehrfach „Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher“, „Wenn das der Führer wüsst`, was Chemie Leipzig ist, dann wär`er nur in Leutzsch, denn Leutzsch ist deutsch" sowie „Wir sind frei, sozial und national“ verstanden, sagte Lazar am Montag.
Neben den Fans des Roten Stern waren vor allem die RSL-Spieler den Hasstiraden mancher Leutzscher Anhänger ausgesetzt. Einer der Kicker, der seinen Namen aufgrund negativer Erfahrungen nach dem Neonazi-Angriff auf Spieler und Fans vor zwei Jahren in Brandis nicht veröffentlichen möchte, beschreibt die Lage als unerträglich: „Als wir in der zweiten Hälfte vor dem SGLL-Fanblock spielen mussten, wurden wir mit 'Roter Stern, Juden, Juden, Juden' belegt. Und das nicht nur einmal“, sagte er gegenüber LVZ-Online und fügte an: „Ich habe den Schiedsrichter dann drauf hingewiesen, dass er bitte dem Stadionsprecher Bescheid geben soll, um dies zu unterbinden. Doch der wollte davon nichts wissen.“ Auch Hinweise von anderen Spielern über beispielsweise auch homophobe Beleidigungen, wie „schwule Sau“ oder „Schwuchtel“, soll der Mann in Schwarz nicht angenommen haben. „Er sagte nur, er schreibt es sich auf und wird die Sprüche später im Spielberichtsbogen vermerken. Dort steht jetzt aber nichts drin“, sagte der RSL-Spieler.
Unverständnis bei der SG Leutzsch – Rote Sterne schlechte Verlierer?
Das bestätigte auch Jamal Engel, Sprecher der SG Leipzig Leutzsch gegenüber LVZ-Online: „Ich befasse mich nicht mit Politik. Im Spielberichtsbogen steht nichts dergleichen drin, also muss ich mich auch nicht damit befassen.“ Er selbst habe nichts von antisemitischen Gesängen oder Nazi-Parolen am Sonntag im Stadion gehört, sagte Engel, der auch darauf hinwies, dass Extremisten in Leutzsch ohnehin keinen Platz hätten. „Bei uns stehen Linke, Rechte und Menschen aus der Mitte zusammen im Block. Nur Extreme bleiben draußen." Grundsätzlich spielen politische Überzeugungen bei der SGLL aber keine Rolle: „Mich interessiert nicht, welche Gesinnung jemand hat. Schließlich gibt man bei Wahlen seine Stimme ja auch geheim in einer Wahlkabine ab.“
Laut Engel seien die Vorwürfe von Fans und Spielern der gegnerischen Mannschaft auch eher in der deutlichen Niederlage am Sonntagnachmittag begründet: „Der Rote Stern ist einfach nur ein schlechter Verlierer. Die wollten nach dem 7:0 aufhören und haben deshalb den Schiedsrichter angesprochen. Wenn sie sportlich ihr Ziel nicht erreichen, dann wohl eben auf diese Art. Das ist eine absolute Frechheit“, sagte Engel, der auch sonst nicht glücklich mit der Vereinsphilosophie beim Ortsnachbarn zu sein scheint: „Die missbrauchen den Fußball, um Politik zu machen. Ich wurde als Nazi beschimpft, unsere Spieler wurden als Nazis beschimpft, unsere Fans, darunter viele Kinder, wurden auch als Nazis beschimpft“, sagte der SGLL-Sprecher und kündigte am Montag an, dagegen auch möglicherweise rechtlich vorgehen zu wollen.
Grünen-Politikerin Monika Lazar hofft dagegen, dass die SG Leipzig Leutzsch ihre Lehren aus den verbalen Entgleisungen mancher Fans am Sonntag ziehen wird und gegen etwaige braune Klientel in ihren Reihen mobil macht. „Ich hoffe, dass den Verfehlungen der Fans der SGLL vom eigenen Verein nachgegangen wird“, erklärte Lazar.
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