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Kultur News

Besser geht's nicht: US-Tournee des Gewandhausorchesters endet in New York

  Foto: Wolfgang Zeyen
New York. Neun Konzerte an sieben Orten. Ovationen nach jedem einzelnen und die erste Gründung eines US-Freundeskreises für ein deutsches Orchester. Am Sonntag kehrte das Gewandhausorchester von seiner 14-Tage-Tournee durch die Vereinigten Staaten zurück, mit einer Bilanz, die kaum anders als triumphal zu nennen ist.

Andreas Schulz trägt schwarze Hose und kein schwarzes Sakko mehr über dem weißen Hemd. Dafür trägt er ein T-Shirt, auf das "NY" gedruckt ist und "LGO", in großer schwarzer Schrift. Dazwischen ein rotes Herz: "New York loves Leipzig Gewandhaus Orchestra" . Schulz, Direktor des Gewandhauses zu Leipzig, steht am späten Samstagabend im Salon des Generalkonsuls der Bundesrepublik Deutschland, Horst Freitag, in der New Yorker Park Avenue und grinst. Denn Andreas Schulz hat allen Grund dazu.

Zwar war es eigentlich nicht er, sondern Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung, der wenige Stunden zuvor auf dem Empfang im Rohatyn Room der Carnegie Hall einen Abend versprochen hatte, den niemand "bereuen" müsse, aber am Inhalt dieser Nachricht ändert sich nichts: New York liebt es, dieses Orchester. 2800 stehen Ovation, als Riccardo Chailly zum letzten Mal aufs Podium kommt, strahlend. Es wird gepfiffen und gebrüllt, dazu frenetisch geklatscht. Mancher spricht später im Foyer vom besten Konzert, das er je gehört hätte im Saal an der 7th Avenue. Andere stehen anderntags an der Ecke zur 57. Straße und fragen die, die sich in der Pause die Füße vertreten nach Karten fürs ausverkaufte letzte Konzert.

Tatsächlich gibt es eigentlich nichts, was noch besser hätte sein können, am Ende dieser 14. Tournee durch die Vereinigten Staaten. Technisch nicht, Bühnenchef Lothar Petrausch und Team sei gedankt, organisatorisch nicht, Orchestermanager Marco Eckertz und Kollegen leisteten Höchstes. Vor allem aber nicht musikalisch: 102 Musiker feierte die US-Presse hymnisch.

Die Visitenkarte also, die das Orchester zuerst in Los Angeles abgegeben hat, später in Palm Springs und Costa Mesa, San Francisco, Boston, Newark und New York, ist exklusiv. Die Visitenkarten, die Schulz gesammelt hat, zusammen mit Generalbundesanwältin Monika Harms in diesen zwei Wochen, sind es hoffentlich auch. Denn was der nun gegründete Freundeskreis - "American Friends of Leipzig Gewandhaus Orchestra" - in erster Linie braucht, sind Kontakte. In zweiter Linie Financiers, aber das muss man in den USA eigentlich nicht erklären, dem Land, in dem Fundraising kein Fremdwort ist, sondern etwas, das Treppenhäusern Namen gibt und Saalfoyers.

Erklärtes Ziel der Gesellschaft, der ehrenamtlich Harms, Schulz und die Anwälte Gerhard Wegen aus Stuttgart sowie Jeffrey B. Samuels und Peter Brown aus New York vorstehen - ist es, die Präsenz des Orchesters in den USA zu verstärken: Tournee-Planungen sollen vereinfacht werden. "Idealiter stellen wir uns das als Win-Win-Konstellation vor" erklärt Wegen den geladenen Gästen, darunter Klaus Scharioth, Botschafter der Bundesrepublik in den USA, Eileen Guggenheim, Direktorin der New York Academy of Art, nebst zahlreicher Vertreter aus Leipzigs Wirtschaft und Kultur.

Das sind Überlegungen, die seit den Tagen Herbert Blomstedts als Gewandhauskapellmeister existieren und mit Amtsantritt Chaillys, der Ähnliches aus seiner Zeit als Chef des Concertgebouworkest Amsterdam kennt, neuen Zündstoff bekamen, wie Schulz es formuliert. Mit Monika Harms schließlich fand sich diejenige, die zum Telefon griff und die richtigen Nummern wählte: Zuerst die Wegens und dann die der Kanzleien in New York.

Ähnliche Voraussetzungen führten einst Antonín Dvorák in die USA: als Direktor des National Conservatory of Music kam der Tscheche auf Einladung der Musikmäzenin Jeannette M. Thurber in die Stadt, am 16. Dezember 1893 wurde sein Opus 95 an Ort und Stelle uraufgeführt. Damals spielte das New York Philharmonic Orchestra, 1842 gegründet, als ältestes Orchester der USA. Das Gewandhausorchester ist das älteste bürgerliche Orchester der alten Welt. Und es spielt diese Sinfonie, die man die "aus der neuen Welt" nennt, als sei sie nicht 117 Jahre alt und es selbst über 250, sondern als passiere das heute und hier zum ersten Mal: Mitten auf dem Times Square zum Beispiel - im dritten Satz, wo es so lärmt und funkelt und tost. Oder wieder im Flugzeug einmal quer über den Kontinent, von San Francisco gen Osten, wo viel Nichts sieht, wer aus dem Fenster guckt, unerhörte Weite. Und im Largo im Englischhorn: Gundel Jannemann-Fischer geht hinaus über diese Welt.

Das ist erbarmungslos gut. Der Akt des Spielens tritt hinter die Musik zurück. Am Sonntag Frédéric Chopins erstes Klavierkonzert, das man von Louis Lortie weder in Leipzig so licht gehört hätte noch in San Francisco. Vielleicht ist es der elegante Ton des Saals, der die Atmosphäre so kostbar macht. Vielleicht ist es das Blattgold auf den Arabesken in einem der besten Konzerthäuser dieser Welt.
Das Isaac Stern Auditorium, der große Saal der Carnegie Hall, drängt sich nicht auf in seiner Akustik. Er verschärft nichts, mildert nichts. Über den Dingen liegt hier eine Einfachheit, die die Flöte zart macht und die Streicher transparent.

Kurt Masur, Riccardo Chaillys Vorvorgänger im Amt des Gewandhauskapellmeisters, sagt am Sonntagabend nichts zum Konzert, auf dem Empfang in der Park Avenue. Er steht bloß da, neben Andreas Schulz, als der das T-Shirt überzieht, mit dem so schönen wahren Satz. Der ohne ihn, Masur, kaum hätte gedruckt werden können: Die erste Orchester-Tournee durch die USA fand 1974 statt - unter seiner Leitung.
 
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