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Jury und Publikum einig: Gianna Molinari gewinnt den 17. MDR-Literaturpreis
Janina Fleischer
Foto: MDR
Der 7. MDR-Literaturpreis geht an Gianna Molinari
V.l.: Ursula Kirchenmayer (2. Platz), Gianna Molinari (1. Platz und Publikumspreis), Alina Herbinger (Platz 3).
Leipzig. Herr Bleier ist Tierpräparator und ein Mann mit Prinzipien. Sein Atelier ist ein Totenreich und er selbst fast eine Art Museumsstück. Nach und nach geht er der Wirklichkeit verloren und sieht sich am Ende selbst als Präparat. Für die Jury ist diese Kurzgeschichte von Gianna Molinari, eine „Miniatur mit surrealen, skurrilen Momenten“, Siegertext des 17. MDR-Literaturwettbewerbs. „Nach langer Diskussion“, wie Jurysprecher Clemens Meyer sagt. Die habe es auch bei der Entscheidung für Ursula Kirchenmayer und Alina Herbing gegeben. „Wir haben uns redlich gestritten, wie sich das gehört bei Literatur“, sagt Meyer. Und Michael Hametner, der gemeinsam mit Ulf Heise durch den Abend führt, vermutet die Hörer der live auf Figaro übertragenen Veranstaltung im angeregten Streitgespräch.
Vielleicht ist aber nach dreieinhalb Stunden auch alles gesagt. Viel über die Kurzgeschichte an und für sich, ein Genre, für das sich Jury-Mitglied Kerstin Hensel immer dann entscheide, wenn sie sich disziplinieren wolle. „Es gibt Stoffe, die dürfen gar kein Roman werden“, sagt sie in einem der den Lese-Marathon auflockernden Interviews. „Der Stoff sagt selber, was er werden will.“
Die meisten Stoffe dieser Finalrunde entstammen einem familiären Mikrokosmos. Bei Jana Scheerer ist es ein depressiver Vater, bei Ursula Kirchenmayer, die am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert, eine verzweifelte Mutter, die sich in ein anderes Leben sehnt, bei Alina Herbing der Wesentliches verschweigende Partner. Sabine Raml wählt einen Waschsalon für den inneren Monolog eine Großstadtbewohners, Kai Metzger schickt den Protagonisten aufs Meer. Mit ihrer Geschichte vom Großvater, der gegen seinen Willen verkuppelt werden soll, steuert Irina Kilimnik den lebendigsten Text bei, über dessen Dialoge das Publikum auch mal kichern kann.
Viele der Geschichten kleben in ihren stilistischen Rahmen. Zwar bleibt stets spannend, wohin sie wohl führen mögen, doch ist der Weg dorthin kann steinig sein, wenn sie zuständlich bleiben, Gedankenketten die Handlung ausbremsen. Detailliert in Beschreibungen und vorsichtig in der Sprache sind sie besser gedacht als erzählt. Es fehlt an Raffinesse, Originalität, Esprit. Auch im Vortrag.
Da fällt es auf, wenn Gianna Molinari, mit 23 Jahren die Jüngste hier, sich der Sprache bedient, indem sie mit ihr spielt, Konturen schafft, die Entfremdung ihres Herrn Bleier in Distanz kleidet: „Man hat auch schon Fehler gemacht. Einmal hat man einen Marder mit offenem Mund präpariert und erst später gemerkt, dass man einen Marder nie mit offenem Maul sieht.“
Eine Vorjury hat diese sieben Texte aus gut 2000 Einsendungen aus 22 Ländern gefiltert, sieben Abendjuroren haben die letzte Wahl getroffen. Alle Finalisten können – das ist Bedingung – bereits Veröffentlichungen vorweisen, sind in Anthologien vertreten. Jana Scheerer debütierte 2006 mit dem Roman „Mein Vater, sein Schwein und ich“, Kai Metzger, mit 53 Jahren der älteste der Endrunde, hat das Libretto zur Oper „Die Ey“ von Ratko Delorko geschrieben.
Obwohl diese Veranstaltung als Klassiker ohne Live-Stream und Twitter-Wall quasi aus dem letzten Jahrtausend kommt, ist der große Saal gut gefüllt, halten viele durch bis zur Entscheidung kurz vor 23 Uhr und Molinaris Sieger-Rede, sie werde „jetzt mal ein Bier trinken und dann mal schauen“. Die 1988 in Basel geborene Autorin studiert im letzten Semester ihres Bachelorstudiums am Literaturinstitut Biel.
Nicht nur nebenbei ist das Wettlesen ein erstklassiges Konzert. Weil das Christin-Claas-Trio kurzfristig absagen musste, setzen diesmal Hands On Strings mit den Gitarristen Thomas Fellow und Stephan Bormann musikalische Glanzlichter – mitreißend, verspielt, dank Raffinesse, Originalität und Esprit viel mehr als ein Pausenfüller.
© LVZ-Online, 08.05.2012, 23:37 Uhr