Foto: André Kempner
Das Conne Island feiert 20. Geburtstag.
Leipzig. Das Politische bestimmt das Kulturelle! Jeder Leipziger wird diesen Leitspruch zweifelsfrei einem großen Kulturzentrum der Stadt zuordnen können: Seinen definierten und anerkannten Platz im kulturellen Archipel des Großraums hat sich das Conne Island nachhaltig erobert. Von heute bis Mitte Oktober feiert es 20. Geburtstag.
Am Anfang stand die Reaktion. Jene mit eingekreistem Anarchismus-"A".
Im bewegten Leipzig des Systemwandels war einer Truppe aus leicht
chaotischen Enthusiasten die Weltrevolution zu wenig, sie wollten auch
Hardcore und Straßenpunk dazu hören. Sie mieteten sich in verschiedene
Jugendclubs der Stadt ein - etwa in die Nato - und landeten schließlich
im Clubhaus "Erich Zeigner" in der Koburger Straße in Connewitz. Dieses
hieß im Volksmund wie bei der Stadt-Jugend nur "Eiskeller" - einen
solchen hatte das alte Ballhaus zur Kühlung der Getränke mal anbauen
lassen.
Schon lange hatte die Verwaltung den 30. Juni 1991 als Termin gesetzt,
die städtischen Jugendclubs abzuwickeln, den Mitarbeitern war gekündigt
worden. Einige Mannschaften hatten aus ihren Reihen Vereine gegründet
und "ihre" Häuser übernommen. Dem Zeigner-Team fehlte es ein wenig an
Visionen. Die Reaktion wiederum hatte begonnen, sich in den Räumen
heimisch zu fühlen, und erkor den Eiskeller zum Wunschobjekt für einen
festen Standort.
Dem Ansinnen verliehen sie Nachdruck, indem sie in großer Zahl auf den
Fluren des Kulturamtes erschienen und eine Vorführung anboten, wie Pogo
abgehen kann. Sie kriegten den Laden. Nicht unbedingt, weil man sich
eingeschüchtert fühlte. Vielmehr waren Aktionen direkten Einforderns
durchaus noch en vogue im Jahr zwei nach dem Leipziger Herbst. Doch wer
wollte bestreiten, dass der eine oder andere in Stadtverwaltung und
Politik ganz froh darüber war, den aufrührerischen Pulk ans südliche
Stadtende verbannt zu sehen.
Dort begann die selbsternannte Insel zu blühen, in den 90ern entfaltete
sich das Conne-Island-Konzept in seiner ganzen spannenden
Widersprüchlichkeit. Weil es Protagonisten wie Sören und Imad gab, die
begriffen hatten, dass Partys nicht nur gefeiert werden können. Sie
müssen auch vorbereitet werden, und hinterher muss einer sauber machen.
Heute sieht sich das Conne Island als "Zentrum von und für Linke,
Jugend-, Pop- und Subkulturen". Jeden Montag tagt ab 18 Uhr ein offenes
Plenum, das alle inhaltlichen Entscheidungen fällt beziehungsweise
sanktioniert. Unter Konsenszwang: Es wird geredet, bis alle überzeugt
sind oder die Minderheiten aufgegeben. Das kann manchmal auch länger
dauern. Ein radikales politisches Bekenntnis war immer Bestandteil des
Selbstverständnisses. Diese rigide Abgrenzung verhinderte nicht etwa,
sondern ermöglichte erst eine beeindruckende kulturelle Öffnung nach
allen Seiten.
Erstes Wave-Gotik-Treffen
Hardcore war und blieb in den 90ern die vorherrschende Musikrichtung.
Daneben aber entwickelte sich eine faszinierende Vielfalt. Das erste
Wave-Gotik-Treffen fand Pfingsten 1992 in und um das C.I. statt. 1993
gab es die "Etwas Besseres als die Nation"-Tour, in deren Gefolge der
neue deutsche Diskurspop, für den sich später der Begriff "Hamburger
Schule" einbürgerte, auf der bunten Insel einrichtete. Goldene Zitronen,
Rocko Schamoni, Tocotronic, Sterne - sie waren alle hier und kamen
mehrfach wieder. Auch Ska wurde heimisch, im Gefolge allerlei Oi-Bands,
womit, begleitet von verbalen und gelegentlich handgreiflichen
Auseinandersetzungen, die Links-Glatzen-Kultur eine eigene Bucht bezog.
Es gab Hiphop von der Basis lange vor einschlägigen Modewellen, Jungle,
Dub und D'n'B.
Die Künstler fühlten sich immer wohl hier. Die Arbeit im Zentrum beruhte
von Beginn an auf einem hohen Grad an Ehrenamtlichkeit mit dem
entsprechenden Engagement. Auch ein Vorteil des Insel-Prinzips: Eine
gewisse Abgeschlossenheit schweißt eine solidarische Gemeinschaft
zusammen. Anders als in vielen Kultur-Zentren, wo Schmuddligkeit im
Umgang mit Sachen und Menschen zum guten Ton gehört, nahm man im Conne
Island gewisse Dinge immer sehr ernst. Das Catering etwa, liebevoll
selbst gemacht, ist bis heute Legende unter Musikern.
Bei aller Prinzipienfestigkeit erwiesen sich Verein und Inselwelt als
entwicklungsfreudig und flexibel. Eine Wegscheide wurde die Tour des
Berliner Techno-Labels Tresor mit einigen US-Größen 1996. Dass Techno
nicht nur Bestandteil ländlicher Großdiskotheken sein muss, hatten die
Macher schon in sympathischer Sturheit durchgesetzt. Doch diese Tour
wurde vom Philipp-Morris-Konzern gesponsert. Diesen wegen seiner offenen
Unterstützung homophober Kreise in den USA zu boykottieren, hatte
wenige Jahre zuvor zum linken Konsens gehört.
Ein wenig zeichnete sich hier bereits ab, was Debatten innerhalb der
radikalen Linken in den folgenden Jahren bestimmen sollte: Der
traditionelle Antiimperialismus sah sich mehr und mehr mit den
"Antideutschen" konfrontiert, die aus ihrem Anti-Antisemitismus heraus
eine stark proisraelische und proamerikanische Haltung ableiten. Das
C.I. ist tendenziell antideutsch, was mit Beschlüssen wie dem
Pali-Tuch-Verbot viele "klassische" Linke bis heute verwirrt.
Popkulturell jedenfalls hat es einiges gebracht. Am Ende ritt der
Marlboro-Cowboy durchs Haus und zerbrach weder den linken Grundkonsens
noch die antikommerziellen Dämme. Vielmehr breitete sich der Ruf des
C.I. aus. In einer Auflistung der 50 wichtigsten deutschen Clubs durch
das Magazin Intro 2005 ist Leipzig neben der Moritzbastei mit dem Conne
Island vertreten. Das Plenum akzeptierte milde lächelnd auch, dass sich
Pop-Millionäre wie Tote Hosen oder Ärzte mit Geheimkonzerten im Laden
ihre Straßen-Kredibilität zurückholen wollten.
Ärzte und Tote Hosen
Das Deutsche an sich war immer Hauptreibungspunkt. So prangerte man
2000 am "Festival für neue deutsche Popkultur" (so hieß die Pop Up
damals) "den Topos 'deutsch' als quasi reaktionär" an, was zu
tumultartigen Aktionen am Werk-2-Tor führte. Dass einige
Conne-Island-Mitarbeiter gleichzeitig ihre Bezüge mit Tresendiensten im
Werk aufbesserten, trug nicht dazu bei, den Konflikt zu
entprovinzialisieren.
Der Band Mia wurde später wegen eines prodeutschen Song-Textes abgesagt
(sie spielte in der MB), die Hamburger Countryband Fink weigerte sich,
ihre USA-kritischen Texte vor dem Plenum zu verteidigen und verzichtete
auf ein Konzert. Das Nationale holte die Macher dann doch ein, als zur
Fußball-WM 2006 selbst auf der Insel Fans ihrer schunkeligen
Begeisterung über die hiesige Mannschaft mit Fähnchen und Gesängen
Ausdruck verliehen. Seitdem bleibt die Glotze aus, wenn Deutschland
spielt. Ein leicht angegammelt riechender Kompromiss, besonders, da die
innere Logik auch bei der jüngsten Frauen-Fußball-WM eine solche
Entscheidung erzwang.
Aber der Laden braucht diese Widersprüche und er hält sie aus.
Sorgfältig wurden und werden die einschlägigen Feindschaften gepflegt,
neben Faschismus, Sexismus, Antiamerikanismus, Antisemitismus und
Homophobie im Großen waren das in der Vergangenheit vor allem Hippies,
Studenten, Rathaus, LVZ und Werk 2 im Kleinen. Letztere haben sich
teilweise relativiert. Erstere nicht.
Ein bissel Wortgeklingel gehört auch immer dazu. Vielleicht denken sie
im Plenum wirklich, dass die 160000 Euro jährliche Förderung (etwa so
viel wie Anker und Werk 2) einzig für das Conne Island Resultat des
unerschrockenen politischen Kampfes sind, während die anderen knapp vier
Millionen Fördermittel für die freie Szene tumben Antragstellern
hinterher geworfen werden. Auch in den Zuwendungen zum Bauerhalt steht
das Zentrum nicht schlecht da - die eingeleiteten Maßnahmen sind bei
verfallender Substanz aber auch bitter nötig.
Die Stadt weiß sehr genau, was sie an ihrer Koburger Binnen-Insel hat -
und das ist weit mehr als Bindung eines radikalen politischen Randes.
Und die Insulaner wissen eigentlich, dass sie sich darauf verlassen
können - in dem finanziellen Rahmen, den die stets klammen Kassen
erlauben. Mit dem Programm zum 20-Jährigen zeigen sie eindruckvoll, was
sie bisher kulturell gerissen haben. Und das ist wirklich eine ganze
Menge.
Programm der nächsten Tage:
Freitag, 23 Uhr
20 Jahre Electric Weekender: Kassem Mosse, Kowton, Steffen Bennemann
& Onetake, Resom, Eintritt 8 Euro, Doppelticket 15 Euro
Samstag, 12 Uhr
20 Jahre Skaten: 18. Little Sista Skatecup
Samstag, 23 Uhr
20 Jahre Electric Weekender: Chez Damier, Genius of Time, Timnah Sommerfeldt, Manamana, Eintritt 10 Euro, Doppelticket 15 Euro
Sonntag, 10 Uhr
20 Jahre Electric Weekender: Dorisburg, Filburt & Peter Invasion,
M.ono & Luvless, Elisabeth, Polo & Wilhelm, Neele & Liebkos
Conne Island, Koburger Straße 3