Auf den ersten Blick haben sie gar nicht so viel gemeinsam, die Autorin und der
Kabarettist, der Buchpreisträger und der Lyriker. Was Else Buschheuer,
Bernd-Lutz Lange, Clemens Meyer und Andreas Reimann am Donnerstagabend in der
ausverkauften LVZ-Kuppelhalle zusammenbrachte, sind ihre "Blicke auf Leipzig",
ihre Texte, die hier entstehen und in denen die Stadt eine Rolle
spielt.
"Heeme ist's am schönsten", sind
sich Clemens Meyer und Else Buschheuer in der Pause einig. Und meinen damit die
Privatheit in den eigenen vier Wänden. Das Heim zur Heimat zu weiten, ist
dagegen Anliegen von Peter Korfmacher, die Lesungen der vier Gäste moderierend.
Was genau ist Zuhause? Und wo? Was macht es aus?
Die Antworten liegen in den
Texten, in der "Gebrauchsanweisung für Leipzig" (Piper Verlag), mit der
Bernd-Lutz Lange den gut zweieinhalbstündigen Abend eröffnet, in Buschheuers
Zeitungs-Beiträgen, Reimanns Gedichten, Meyers Auszügen aus "Als wir träumten"
und seinem neuen Buch "Gewalten" (S. Fischer), das am 11. März erscheint. Das
heißt im Untertitel "Ein Tagebuch", elf Prosatexte sind es, in denen der
Erzähler sich mit Gewalten auseinandersetzt, die "wir hier in Deutschland
hatten, die ich privat hatte." Das Sterben eines Freundes ist es in der
Geschichte "Auf der Suche nach dem sächsischen Bergland", eines Freundes, den er
noch einmal hätte besuchen können; und der ihn darum nun nicht loslässt. Rau
klingt das, erdenschwer und verstörend genau.
Dass es auf dem Hauptbahnhof
seinen Anfang nimmt, könnte den Blick auf Leipzig lenken, doch so gesehen ist
Leipzig überall. Man müsse mit den Gegebenheiten zurecht kommen, sagt Meyer, da
sei er weit entfernt Hymnen anzustimmen auf seine Stadt. Hier zu bleiben, sei
schon eine Hymne. Davon zu schreiben, sei schon eine Liebeserklärung, sagt
wiederum Reimann, der "gern an den Gardasee emigrieren" würde, und das nicht
etwa, weil "fast alle historisch bedeutenden Leipziger irgendwann aus ihrer
Heimatstadt verschwunden sind". Vielleicht deshalb, weil Reimann mit dem Zweifel
im Bunde steht, niemals ein Claqueur ist, niemals bequem.
"Bewohnbare Stadt"
(Connewitzer Verlagsbuchhandlung) ist seine Gedichtsammlung überschrieben. Darin
belebt er historische Hüllen mit Lebensgefühl, sieht Kastanien - belaubt mit
Krähen. Reimanns bitter-ironischer Ton klingt dem Meyers verwandt, dessen eher
distanzierte Ironie dem Ernst verhaftetet bleibt. Buschheuers
satirisch-verbindliche Variante ähnelt Langes verschwörerischem Augenzwinkern.
"Wurzelbehandlung" ist ihre Reflexion auf die Rückkehr von New York nach Leipzig
überschrieben, in der sie Heimat mit Bautzener Senf und Rotkäppchen-Sekt
verkuppelt, sich nach Vokabeln sehnt wie "Schnipsgummi" oder "gute Stube". In
der Sprache zu Hause zu sein, ist die Gemeinsamkeit dieser vier Autoren. Dass
sie dabei an der sächsischen Mundart nicht vorbeikommen, kann jeder hören.
Mit
großer Freude vernimmt es das Publikum von Bernd-Lutz Lange, dessen Entdeckungen
zwischen Bahnhof und Kaffeehaus die Mentalitäten an die Hand nehmen, den Stolz
der Bewohner auf das alte Leipzig und übrigens auch auf die Buchstadt, jene
"Legende aus der Vorkriegszeit", die sich zur Lesestadt entwickelt habe. Zudem
freue ihn, dass es jetzt viele der so genannten Nischen-Verlage gebe. "Wer weiß,
vielleicht sind das in 50 Jahren mal viele große Verlage." Lange streichelt die
Seelen, indem er Hans Rothe zitiert, der 1930 lobte: "Selbst die Sprache hat
hier eine Färbung angenommen, die erhaben ist über alles, was man gemeinhin
sächsischen Dialekt nennt. Dialekt ist nur ein anderer Ausdruck für
Geistesrichtung, das tiefste Merkmal des Leipzigers ist Selbstironie, und drauf
hat er seine Sprache aufgebaut, die kein Landfremder je nachzuahmen vermag." So
blicken in dieser prominent besetzten kleinen Heimatkunde die Leipziger auf ihre
Stadt: unterhaltsam, poetisch, nachdenklich - ein bisschen verliebt.
In der
LVZ-Autorenarena auf der Leipziger Buchmesse (Halle5: Else Buschheuer (20. März,
14.30 Uhr), Bernd-Lutz Lange (16.30 Uhr), Clemens Meyer (21.3., 14
Uhr).;Zum Buchmesse-Special:
leipziger-buchmesse.lvz-online.de