Leipzig. Der Leipziger Germanist Jürgen Krätzer wird 2012 neuer verantwortlicher Herausgeber der Literaturzeitschrift die horen. Gleichzeitig wechselt die Zeitschrift vom Bremerhavener Wirtschaftsverlag NW Verlag für neue Wissenschaft zum Göttinger Wallstein Verlag.
Erfolg ist nicht planbar. In diesem Jahr haben die horen-Ausgaben über Buchmesse-Gast Island und Heinrich von Kleist einiges Aufsehen erregt. Ein Publikumsrenner müssen sie deshalb noch lange nicht sein. Manchmal, sagt Jürgen Krätzer, sind das die eher abgelegenen Themen. Der 1959 geborene Leipziger gehört seit zehn Jahren zur Redaktion. Damals war er verantwortlich für das Heft Nummer 201, „Erfahrung Deutschland“, das zehn Jahre nach dem Mauerfall Autoren wie Ruth Klüger, Katja Lange-Müller, Peter Härtling, Uwe Kolbe oder Hans-Eckardt Wenzel zusammenbrachte. Noch immer begeistert blättert Krätzer darin zu einem Foto, das Kolbe Anfang der 80er mit langen Haaren zeigt – zusammen mit Franz Fühmann, über den Krätzer promovierte. Doch immer stellt sich der Germanist bescheiden hinter die nicht selten großen Namen der an der Quartalszeitschrift Beteiligten.
Er sieht sich als Vermittler, der Autoren und Themen zusammenbringt, so dass Überraschendes und Originelles entsteht, wie es beispielsweise mit der Nummer 230 gelang, den „Klangspuren / Songs & Soundtracks“. Dafür wurden „Lyrics als Lyrik wahrgenommen“, also Songtexte und Nachdichtungen vorgestellt, begleitet von Assoziationen darüber. Krätzer selbst hatte sich „High Hopes“ von Pink Floyd vorgenommen. „Wenn ein Gedichtband sich 1000 Mal verkauft, ist das schon ein Erfolg“, sagt er. „Bei einem Konzert aber singen Tausende die Texte mit.“
Neben Themen-Heften über Karl May, Hamlet oder Science-Fiction gibt es Poetische Erkundungen aus den Ländern Südosteuropas oder eine Ausgabe über Albert Vigoleis Thelen. Im kommenden Jahr steht die Literaturszene Tschechiens, 2013 die Brasiliens im Mittelpunkt. „Eigentlich sind es mehr Anthologien als Zeitschriften“, sagt Krätzer, noch dazu „völlig frei von irgendwelchen Aktualitäts-Hypes“. Die dennoch nur sehr selten in Buchhandlungen zu finden sind, in Leipzig wisse er bisher keine, inzwischen gebe es aber immerhin eine Zusage.
Das macht es nicht leicht, zu Lesern zu finden. „Schockieren Sie Ihren Buchhändler, fragen Sie nach einer Literaturzeitschrift“, sagt Krätzer gern. Dazu kommt, dass viele Bibliotheken bei Kürzungsmaßnahmen bei den Zeitschriften ansetzen. „Und noch absurder: auch Uni-Bibliotheken. Leipzig und Halle aber glücklicherweise nicht. Dabei kostet ein medizinisches Buch soviel wie vier unserer Jahrgänge.“ Auch bei Literaturabenden könne es passieren, dass – mit Neigung zum Event – 300 Besucher am Abend kommen, jedoch nur drei horen-Exemplare verkauft werden.
„Mein Unternehmen kann mißlingen, aber ich kann nie bereuen, es versucht zu haben“, wird auf der Internetseite Friedrich Schiller zitiert, dessen Literaturzeitschrift die horen 1798 eingestellt wurde, aber weiter als Modell diente. Im Schillerjahr 1955 sah sich Gründer Kurt Morawietz (1930–1994) ausdrücklich in dessen Nachfolge: „Sein Postulat von der Freiheit und der Würde des Menschen empfand ich in der Verlorenheit jener Tage und vor dem Hintergrund der sich anbahnenden Restauration im Lande aktueller denn je.“ Dem Engagement des Hannoveraners ist zu verdanken, dass sowohl seine Heimatstadt als auch das Land Niedersachsen das Projekt fördern, was „in heutigen Zeiten kaum hoch genug geschätzt werden kann“, so Krätzer.
Die „heutigen Zeiten“ bringen es für den wissenschaftlichen Mitarbeiter am Germanistischen Institut der Martin-Luther-Universität Halle mit sich, dass er vor Lehramts-Studenten steht, die mit dem Namen Heiner Müller nichts zu verbinden wissen oder eben keine Literaturzeitschrift kennen. Ihre Leser finden die horen eher unter Bildungsbürgern, „an Literatur interessierten Leuten, die mehr erfahren wollen als puren Text“, nämlich Freude finden an Essays, Betrachtungen, Kritiken. Essays, bedauert Krätzer, seien in der deutschen Literaturwissenschaft leider verloren gegangen. Darum sei es auch die Aufgabe dieser Zeitschrift, Tradition zu bewahren. Und darum seien immer wieder Künstler angetan von der Idee, „von den Honoraren kann kein Künstler angetan sein“, und steuern Texte, Illustrationen bei – zuletzt im Kleist-Heft zum ersten Mal Musik.
Die bisher fünf Redaktionsmitglieder arbeiteten über die Welt verstreut, kamen nur alle ein oder zwei Jahre zusammen. Seit 1971 hielt Johann P. Tammen als verantwortlicher Herausgeber die Fäden in der Hand, er geht zum Jahresende in den Ruhestand. Für dieses Lebenswerk bekam er jüngst den Niedersächsischen Verlagspreis.
Unter dem neuen Dach des Wallstein Verlags wird Krätzer auf Programmleiter Thorsten Ahrend treffen, den er noch aus dessen Leipziger Zeiten kennt. Alles passe zusammen: Das Prinzip der Selbstausbeutung und des Anspruchs trifft auf Qualität und Seriosität. Dann muss vielleicht nicht mehr Krätzers Sohn vom australischen Brisbane aus die Homepage der horen betreuen. Und vielleicht werden sie irgendwann bei Facebook auftauchen, „Wallstein ist da ja schon“. Und ganz gewiss bei Leipziger Lesungen im Haus des Buches oder an einem der anderen „wundervollen Orte dieser schönen Literaturstadt“. Die für Jürgen Krätzer auch Musik-, insbesondere Jazzstadt ist. Unterhaltung als intellektuelles Vergnügen – darum geht es ihm, und darum geht es den horen.
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