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Vor 100 Jahren starb „Dracula"-Vater Bram Stoker: Ein E-Mail-Dialog zweier Mondsüchtiger
Nina May und Johanna Di Blasi
Foto: Thomas Imo/ photothek.net
Mondsüchtig: Johanna Di Blasi (vor dem Bildschirm) und Nina May.
Leipzig. Zwei Kulturjournalistinnen outen sich als Vampir-Fans. In einem E-Mail-Dialog der anderen Art fühlen sie ihrer gemeinsamen Schwäche für Blutsauger auf den Zahn. Eine Hommage an Bram Stoker, dem vor einhundert Jahren, am 20. April 1912, gestorbenen Dracula-Vater.
Nina May: „Twilight" habe ich heimlich verschlungen, „Dracula" kann man auch im Café oder im Zug lesen. Ging's dir auch so?
Johanna Di Blasi: Von meiner Seite gibt es da keine Verschämtheit. Aber ich habe Kids erlebt, die beim Thema „Twilight" rot anlaufen. Die Jungs schienen besorgt, in der Peer-Group als Mädchenbücherleser dazustehen. Stokers Vampir ist auf jeden Fall konsensfähiger. So ein ins wissenschaftsgläubige 19. Jahrhundert hineingestolperter Untoter ist eine tolle Figur. Man muss ihn mögen, schon weil er auf komplett verlorenem Posten ist ...
May: Aber selbst wenn er am Ende scheitert, hat er doch die ganze Technikgläubigkeit als Illusion entlarvt. Denn als lebender Toter ist er ein personifiziertes Paradoxon, über ihn hat der Leser Zugang zu einer Welt jenseits des Rationalen. Ich habe aber noch eine ganz andere Erklärung für die Anziehungskraft von Vampiren: Der Biss ist ein Symbol für den sexuellen Akt. Von Goethes Gedicht „Die Braut von Korinth" bis zu aktuellen TV-Serien wie „True Blood": Vampire sind immer wahnsinnig gut aussehend und große Verführer, ob Mann oder Frau. Gib's zu, diese Komponente macht den Vampirkult erst richtig attraktiv ...
Di Blasi: Ja, blass und untot, aber erotisch vital. Lass uns übers Küssen reden: Kristen Stewart und Robert Pattinson alias Bella und Edward haben bei den MTV-Awards den Preis für den besten Kuss gewonnen. Es ist ein Todeskuss, ein kalter Kuss, genau das aber macht ihn im Wortsinn - ungeheuer - anziehend. Etwas Ähnliches kennen wir von den großen Wagner-Opern, in denen der „Liebestod" den glühenden Kern bildet.
May: Stimmt, die Gefahr steigert den Reiz. Obwohl da bei „Twilight" ja alles sehr züchtig abläuft. Es ist schon komisch, dass Edward sein Vampirsein vorschiebt, um puritanische Ideale zu propagieren. Dracula und die Untoten aus alten Legenden sind da von einer ganz anderen anarchischen Kraft ...
Di Blasi: Edward zahnlos? Da mache ich nicht mit. Dieser moderne Vampir ist beißgehemmt, das stimmt, aber gerade in der verbissenen Abstinenz liegt die Finesse. Dagegen ist der instinktgesteuerte Zubeißer Dracula, der sich an willenlosen Somnambulen labt, bloß ein ordinärer Blutsauger.
May: Für derart blasphemische Äußerungen kannst du dir schnell ein Bissmal am Hals einhandeln! Apropos: Hast du auch schon mal wie die Frau aus der Sparkassenwerbung davon geträumt, auf ewig mit deinem Liebsten vereint zu sein?
Di Blasi: Ja, und davon, dass unser gemeinsames Kapital bis in alle Ewigkeit verzinst wird ... Wieso lieben wir eigentlich die bad guys? Vampire sind Killer.
May: Aber Edward ist doch mit seinen penetranten Selbstzweifeln eher der good guy! Aber es stimmt schon, die Grausamkeit gehört zum Vampir wie der Modergeruch. Die unterschwellige Gefahr, der man sich als Sterblicher in Gegenwart eines Blutsaugers aussetzt - und sei es nur in der Fantasie - ist wohl eine Begegnung mit der eigenen dunklen Seite...
Di Blasi: Sind wir Opfer übersteigerter Roman-Lektüre wie Madame Bovary? Entfremden uns diese Bücher der Realität?
May: Michael Ende hat mal gesagt: „Um die Außenwelt verstehen zu können, braucht es die andere Welt, das Imaginäre." Von daher hilft uns unsere Mondsucht also vielleicht sogar, mit realen Blutsaugern fertig zu werden.
Di Blasi: Lass uns noch einmal auf Dracula zurückkommen. Besonders komisch finde ich, wie Stoker in dem 1897 erschienen Buch den Vorgang der medizinischen Bluttransfusion sexuell auflädt. Man kann das Buch auch als Werbung fürs Blutspenden lesen. Die Männer stehen Schlange, um Lucy Blut zu spenden. Nach der Transfusion überkommt die Herren eine Art postkoitale Erschöpfung. Man könnte das Buch noch einmal danach durchsehen, ob auch die Zigarette danach vorkommt.
May: Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es eben oft nur ein kleiner Schritt. Denk doch mal an die filmische Stoker-Variation „Nosferatu": Diese Figur, die immerzu ihre Holzkiste mit sich herumschleppt wie ein Obdachloser seine Isomatte, ist schon rein optisch eine ziemlich komische Fledermaus.
Di Blasi: Wieso schlagen Vampirmärchen heute derart ein? Ich denke, dahinter steckt der Wunsch nach starken, romantischen Gefühlen. Auch die Emo-Bewegung speist sich aus dem Vampir-Mythos, das Wort leitet sich von emotional ab. Meinst Du, es wäre übertrieben, vom Ende der „Era Cool" zu reden?
May: Vielleicht. Kühle Körper, heißer Geist! Übrigens wird Johnny Depp bald im neuen Tim-Burton-Film „Dark Shadows" einen Vampir spielen. Ich reservier schon mal die Karten ...
„Dracula" in Neuübersetzung: Bram Stoker: „Dracula", aus dem Englischen von Andreas Nohl. Steidl, Göttingen. 540 Seiten, 28 Euro; Bram Stoker: „Dracula", aus dem Englischen von Ulrich Bossier. Reclam, Stuttgart, 550 Seiten, 24,95 Euro.
© LVZ-Online, 18.04.2012, 20:47 Uhr