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Die Filmemacherin und Autorin Helene Hegemann hat ihr erstes Buch veröffentlicht: „Axolotl Roadkill“. (Archivfoto)
Leipzig. Mit 15 verfasst sie ihr erstes Theaterstück, ihr erster Film, „Torpedo“, gewinnt beim Max Ophüls Festival. Talent jedenfalls hat Helene Hegemann. Und Chuzpe. Dazu einen Vater, der Legende ist: Carl Hegemann war Chef-Dramaturg an der Berliner Volksbühne. Jetzt ist ihr Debütroman erschienen: „Axolotl Roadkill“. Aufmerksamkeit ist der fast 18-Jährigen gewiss.
Wo andere ein sinniges Flaubert-Zitat voranstellen oder auf vergessene Lyriker verweisen, zitiert Helene Hegemann Pro7: „We love to entertain you“ ist also das Motto ihres Romans. Erfrischend ehrlich. Bei der Lektüre drängen sich unmittelbar die Attribute frech, mutig, jung auf. Die Entzauberung beginnt bereits auf Seite 12: „Unter der Dusche prasseln mir in Zeitlupe Tropfen entgegen, die durch den Einfluss der Oberflächenspannung bestrebt sind eine Kugelform zu erlangen.“ Hoppla, das klingt eher nach unbekümmerter Tagebuch-Prosa, hilflos beinahe. Und trotzdem: Die Dialoge entwickeln einen Sog, wecken die Neugier, wohin wohl führen mag, was so beginnt: „Um 16 Uhr 30 wache ich orientierungslos in einen Bettbezug gewickelt auf und bin in erster Linie von mir selbst gelangweilt.“ Vielleicht lockt sogar Voyeurismus, weil der Roman ja autobiographische Züge trägt.
Es geht um Mifti, 16, drogenabhängige Schulabbrecherin mit Reflexionsvermögen, deren Hang zur Realitätsflucht sich in ausgeprägter Lesesucht äußert. „Alles, was sie noch hat, ist eigentlich dieser Satz: Meine Mutter ist gestorben, als ich dreizehn war“. Danach kommt Mifti aus Bochum nach Berlin und weiß sehr genau, was sie will: nicht erwachsen werden – vergleichbar mit dem Axolotl, einem nachtaktiven mexikanischen Schwanzlurch, der ewig pubertiert. Miftis Vater ist „eines von diesen linken, durchsetzungsfähigen Arschlöchern überdurchschnittlichen Einkommens“, Schwester Annika ist eine „durchtriebene Marketing-Bitch“, Bruder Edmont entwirft Kapuzenpullis und ist, wie Mifti, „stockbisexuell“. Stolperte Sven Regeners „Herr Lehmann“ einst durch Kreuzberger Kneipen, kifft sich die Generation Roadkill durch Party-Nächte in Mitte.
Die Beziehungsnot scheint groß zu sein im Zentrum der Republik, jede Freundschaft gleicht einem Tauziehen, getrieben und gebremst von Angst. Auch das Familienmodell zeigt sich überholt. „Damit eine Gemeinschaft funktioniert, braucht man eben mehr als das Wohlwollen ihr gegenüber. Das Wohlwollen gegenüber dem Modell macht nicht das Funktionieren des Modells aus.“ Weiter führt diese Erkenntnis allerdings nicht; die sozial und emotional ermüdeten Figuren dieses Roadmovies im Fahrsimulator haben keinen Führerschein für das Leben in einer Gesellschaft „in der man zu nichts anderem mehr verpflichtet ist als zu dieser ständigen Verantwortung für sein eigenes Ansehen“. Ihnen geht es nicht darum, ob sie etwas erleben oder verpassen, „es geht ja ausschließlich um das Ausmaß der Intensität, oder?“
Auf eine Entwicklung im literarischen Sinn verzichtet Hegemann. Treibend ist der Klang in Dialogen, SMS oder E-Mails mit der Betreffzeile „Go Away Fuck Yourself“. Die Autorin formuliert in einer Tradition, die mit Furor auch von Theaterbühnen herunter polarisiert. „Ich soll Erwachsenenwörter aneinanderreihen, ohne sie zu verstehen“, sagt Mifti. Dennoch bleibt das Plappern der Protagonisten ein Echo der Elternsprache, die – zertrümmert und neu zusammengesetzt – das Zeug zur Ironie hat. Allerdings nervt es, wenn die Phrasen der Alten sich mit den Worthülsen der Jungen mischen. Weinen wird zum „unspezifischen emotionalen Ausdruck, der der Mimik zugeordnet wird und mit Tränenfluss einhergeht.“ Würden die Wörter „total“, „kotzen“ und „scheiße“ nur jedes zweite Mal gestrichen, wäre das Buch wohl halb so dick. Und trotzdem totalscheißauthentisch.
Vor gut einem Jahr hat Hegemann in einem Interview gesagt: „Die Kunstform Theater wird völlig falsch aufgefasst. Man sollte es als Volksversammlung oder Rockkonzert begreifen, als einen Raum, in dem echte Menschen dabei beobachtet werden, wie sie sich spielerisch zu einem Text verhalten.“ Diesen Anspruch löst sie in ihrem Roman ein. Der ist ein Rausch, durchatmend in ins Lyrische spielenden Traumsequenzen. So rasant kann die Leere sein, die auch Mifti auf der Haut klebt. Sie schreibe „like a roadkill“, sagt ihr Vater, als er deren Tagebücher in die Finger bekommt, wie ein angefahrenes Tier.
Die Autorin befreit sie und sich aus den genau beobachteten Selbstdarsteller-Exzessen durch Klischeebewältigung mit den Mitteln doppelter Koketterie: „Ich hingegen erfreue mich an der von mir perfekt dargestellten Attitüde des arroganten, misshandelten Arschkindes, das mit seiner versnobten Kaputtheit kokettiert und die Kaputtheit seines Umfelds gleich mit entlarvt.“ Wer spricht hier? Sitzt Hegemann in diesem Moment irgendwo im „stark frequentierten Außenbereich eines zu irgendeiner Off-Location umfunktionierten Kindergartengebäudes“ und lacht sich schlapp über den Eifer, mit dem das Wunder der Literatur im Roman des Mädchens goutiert wird? „Wie du immer mal wieder ,sozusagen’ an Satzenden anbaust, überhaupt der Trick, mit Füllwörtern intellektuelle Sätze verworren und atemlos zu machen – beeindruckend, Mifti!“ Alles beginnt. Nichts endet. Die Dialoge führen ins Nirgendwo, in Sätze wie: „Ja, weil – keine Ahnung."
Konsequenz verweigert Hegemann Visionen oder gar ein Happy End. Nun haben die Nullerjahre also ein Gesicht.
Helene Hegemann: Axolotl Roadkill. Roman. Ullstein Verlag; 206 Seiten, 14,95 Euro