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"Heraus aus dem Beliebigkeitsstrom": Verleger Elmar Faber
Leipzig. Am 5. September vor 20 Jahren haben Elmar und Michael Faber den Verlag Faber & Faber in Berlin gegründet. 1995 verlegten sie den Sitz nach Leipzig. Michael Faber ist inzwischen Kulturbürgermeister der Stadt Leipzig, sein Vater Elmar, bis 1992 Chef des Aufbau Verlages, wird sich Ende des Jahres aus Faber & Faber zurückziehen. Im Interview spricht er über die Anfänge, Erfolge, Schwierigkeiten und die ungewisse Zukunft.
Frage: Wenn Sie jemand um Rat fragte, ob es in der heutigen Zeit sinnvoll ist, einen Verlag zu gründen – was würden Sie ihm sagen?
Elmar Faber: Ich würde ihn zuerst fragen, ob er über ein kleines Vermögen verfügt. Wenn er mittellos ist, würde ich abraten. Ansonsten würde ich ihm sagen: Munter drauf los! Es gehören immer Mut und Tapferkeit und Stehvermögen zum Leben. Wenn man einigermaßen die Spielregeln der Branche beherrscht und kreativ zu arbeiten vermag, kann es gelingen.
Welche Voraussetzungen sollte man mitbringen, um ein erfolgreicher Verleger zu sein?
Man sollte mit Menschen umgehen können, und zwar mit äußerst unterschiedlichen, sonderbaren und mitunter skurrilen Charakteren. Und dann muss man natürlich Interessen bündeln können, die Genres und Gewerke, die ins Verlagswesen hineinragen. Neben der gesiebten Geistigkeit, mit der man umgehen muss, ist aber immer auch der königliche Kaufmann gefragt.
Wie sehen Sie den Wandel in der Verlagslandschaft?
Es bleibt nichts wie es ist. Deshalb verspreche ich auch Neugründern eine Zukunft. Am schwersten werden die Kolosse überleben. Das sieht man auch schon gegenwärtig, wie sie sich verändern, verkleinern, zellteilen, weil die Zufuhr an Nahrung, an geistigen Produkten, gar nicht zu gewährleisten ist, wie das diese großen Unternehmen eigentlich brauchen. Es hapert an qualitätsvoller Ware. Und dass sich eins vom anderen nicht mehr unterscheidet, macht die eigentliche Krise auf dem Buchmarkt aus.
Wie sieht die Zukunft aus?
Ich denke, die Verlagslandschaft wird wieder zersplitterter werden, wir könnten auch sagen: subjektiver. Es ist ja tatsächlich so, dass sich in den kleineren Einheiten effektiver arbeiten lässt, weil in den großen das System der Selbstausbeutung, dass man sich mit Leib und Seele einbringt, überhaupt nicht Mode ist. Das kann nicht gutgehen.
Die großen Verlage machen nicht den Eindruck, kurz vor dem Kollaps zu stehen.
Die Konzerne haben sich durch andere Geschäftsfelder geholfen, die mit der ursprünglichen Ware überhaupt nichts mehr zu tun haben. Das ist ja etwas, was den Kapitalismus auszeichnet und mit dem initiativreichen Eigentum zu tun hat: dass er sich gewissermaßen zu behelfen vermag.
Was bedeutet diese Entwicklung für den Buchhandel?
Es sind genug kleine Läden zugrunde gegangen, aber die großen, Thalia oder Weltbild oder Hugendubel, sind auch gebeutelt worden. Keiner hätte gedacht, dass ausgerechnet die in den Krisenjahren am meisten ins Schaukeln geraten.
Was ist für Sie heute anders als vor 20 Jahren, als Sie Faber & Faber gegründet haben?
Es ist natürlich schlechter geworden. Das lese ich nicht an Umsatzergebnissen ab, aber die Gewohnheiten in der ganzen Buchhandelsbranche sind roher geworden – das Rabattsystem, der Druck auf Preise, der Herstellungsprozess ist teurer geworden, der individualisierte Buchhandel weiter geschrumpft. Vieles ist auf die sekundären Zurufe eingestellt: was bestimmte Heroen in der Presse verkünden.
Genügt es, sich von den anderen zu unterscheiden, um wahrgenommen zu werden?
Wenn sie das Beispiel Faber & Faber nehmen, so sind wir, was das illustrierte Buch betrifft, in Deutschland erste Adresse. Kein anderer hat das illustrierte Buch in dieser Kompaktheit und Systematik gepflegt, wie wir in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten. Dadurch haben wir den Ruf gewonnen, den wir nun haben. Man muss aus dem Beliebigkeitsstrom heraus und ein Feld erobern, das man zu beherrschen glaubt. Man darf nicht probieren mitzuschwimmen, denn die Konkurrenz in den Beliebigkeitsgenres kann man nicht aushalten.
Sind Sie von Anfang an mit dem Plan angetreten, diese Nische zu füllen?
Das ist aus meinen Überlegungen hervorgegangen, wie der Aufbau Verlag zu führen wäre. Ich hatte dort ein stringentes Konzept, habe Aufbau als Suhrkamp des Ostens gesehen. Als ich im Januar ’90 den Aufbau Taschenbuch Verlag gegründet habe, hat alle Welt geschrien: Der ist verrückt geworden, das kann niemals gelingen! Und heute könnte Aufbau ohne den Taschenbuchverlag überhaupt nicht existieren. Rütten & Loening wollte ich gewissermaßen als Spielwiese kulinarischen Büchermachens pflegen. Doch Bernd Lunkewitz, ab ’91 Eigentümer, hatte genau das gegenteilige Konzept, der wollte Rütten & Loening als einen Verlag für Strandkorbliteratur konstituieren. Damals sind unsere Konzepte so aufeinandergeprallt, dass wir uns Ende ’92 trennen mussten
Da war Ihr Verlag bereits zwei Jahre alt. Hatten Sie eine Vorahnung?
Faber & Faber haben mein Sohn Michael und ich für ihn gegründet – und dann die Kräfte natürlich zusammengetan. Nachdem wir lange getrennt gearbeitet haben, ich in Berlin, er in Leipzig, bin ich ’95 dann hierher gezogen.
Welche waren Ihre ersten Bücher, was Ihr erstes Programm?
Wir haben aus dem Nichts angefangen, das darf man nicht übersehen, aber wir hatten die besten Gestalter Deutschlands engagiert, Professoren der Hochschulen in Ost und West. Wir haben im ersten Programm also vier Bücher gemacht. Das erste war Manfred Bofingers „Graf Tüpo“, ein Kinderbuch, eine Hommage auf El Lissitzky. Da haben die anderen gesagt: Das ist viel zu esoterisch, wenn du da 800 Exemplare loskriegst, bist du doch schon am Ende der Fahnenstange. Wir haben aber im ersten Jahr 12 000 verkauft, jetzt sind wir bei 30 000. Das zweite Buch waren Prosaminiaturen von Christoph Hein mit Originalgrafiken – das hat 780 DM gekostet. Davon haben wir 300 Exemplare gemacht, die längst vergriffen sind.
Haben Sie ein Gespür dafür, was sich verkaufen lässt, oder ist es Erfahrung?
Da steckt keiner drin, wenn man nicht Bestseller regelrecht produziert, sie untermauert mit riesenhaften Werbeetats von 200 000 oder 300 000 Euro. Wir haben mal ein Buch mehr für uns alleine gemacht, als Liebhaber, das heißt „Das wohltemperierte Alphabet“ und ist eine Geschichte der Schrift, also eine Art Lexikon zu 100 Schriftkünstlern, die nachhaltig die Schrift-Entwicklung beeinflusst haben. Ursprünglich wollten wir 1200 davon verkaufen, haben aber vor eigener Begeisterung schon im Verlauf der Herstellung auf 2000 erhöht. Dann haben wir es im Herbst 2004 das erste Mal in Frankfurt auf der Messe gezeigt – und drei Wochen später waren wir ausverkauft. Da ist etwas passiert, was kein Mensch vorausgeahnt hat: Die halbe Werbe-Branche hat sich darauf gestürzt, um Anregung zu schöpfen, um ihr digitales Einerlei zu verbessern. Die Nachfrage kann ein Riese sein und genauso ein Zwerg.
Liefen Sie Gefahr, sich am Erfolg zu berauschen?
Das war so nach „Graf Tüpo“, da haben wir gleich die Reihe „Das andere Kinderbuch“ begonnen. Von den insgesamt 12 Bänden sind 5 auf dem Markt geglückt, die anderen 7 sind schiefgegangen. Wir mussten merken, dass Kinderbücher bei uns nicht so funktionieren, denn dafür braucht man ein eigenes Vertriebssystem. Wir sind anders und bleiben jetzt mal bei unserem Stiefel: Das bibliophile, das schöne, das illustrierte Buch. Dazu das belletristische Segment und die Sachbücher. Inzwischen erscheinen bei uns 20 bis 25 Bücher im Jahr.
Ist das langsame Wachsen Ihr Erfolgsgeheimnis?
Ich habe Anfang der 90er Jahre eine ganze Reihe von Neugründungen beraten, und ich habe unentwegt gewarnt: Das erste, was ihr nicht braucht, ist ein Auto. Und ich kann an einem primitiven Holztisch genau dieselbe Arbeit leisten wie an einem Barocktisch. Das Schlimmste ist, wenn man denkt, man muss was darstellen.Wir haben in den ersten zwei Jahren unsere Bücher auf dem Fußboden geschnürt. Und sind quasi auf dem Teppich geblieben, haben uns immer erst dann etwas geleistet, wenn wir so weit waren.
Wie groß ist Ihr Team?
Zunächst waren wir der pure Familienbetrieb: Michael, ich und meine Frau. Heute arbeiten wir zu sechst. Und wir haben immer einen Volontär oder Lehrling. In Verlagen, die wirtschaftlich gut geführt werden, betreut ein Lektor etwa 12 Bücher im Jahr. Das geht natürlich nicht zwischen 9 und 16 Uhr, da muss man schon ein bisschen mehr investieren.
Was hat Sie bewogen, den Verlag nach Leipzig zu verlegen?
Wir konnten nicht länger in getrennten Wohnzimmern arbeiten, brauchten eine richtige Behausung. Michael wäre nie nach Berlin gegangen, und ich hatte keine Probleme damit, nach Leipzig zu gehen, da ich seit 1954 lange hier gelebt habe. Inzwischen sind wir hier in der Mozartstraße eine Institution geworden: mit den Lesungen, die hier stattfinden, den Antiquariatstagen, Vortragsabenden.
Der Aufschrei war groß, als Suhrkamp von Frankfurt nach Berlin zog. Ist das Image eines Verlags an eine bestimmte Stadt gebunden?
Eigentlich nicht. Im Gegensatz zu früheren Zeiten, als die Städte-Topografie für den Verlag eine große Rolle gespielt hat, kann ich heute in einem Nest an der Ostseeküste arbeiten und erreiche dasselbe wie von Leipzig oder München aus. Für einen Autorenverlag wiederum ist es schon gescheiter, in einer Metropole zu sitzen, weil dort Wissenschaft, Kunst, und Literatur direkt beheimatet sind. Was Sie meinen, ist die emotionale Seite. Da werden Dinge in diese Veränderung hineingelegt, die gar nicht hineinzulegen sind. Selbstverständlich kann Suhrkamp von Berlin aus genauso arbeiten wie in Frankfurt. Oder besser.
Was halten Sie davon, dass die Aufbau-Gruppe den Gustav Kiepenheuer Verlag eingestellt hat?
Ich halte persönlich gar nichts davon, aber ich kann die inneren Beweggründe nachvollziehen.
Welche sind das?
Wenn ich einen Verlag wie Gustav Kiepenheuer in einem Verbund erfolgreich weiterführen will, sollte ich dessen Tradition pflegen. Kiepenheuer ist sehr wertkonservativ gewesen und zugleich experimentierfreudig, hat in den 10er und 20er Jahren eine unglaubliche europäische Resonanz gehabt. Da kann ich nicht plötzlich auf Pillendreherei verfallen, das geht eben nicht. Insofern verstehe ich, dass man an einen Punkt kommt und sagt: Was soll denn das eigentlich? Aber man hätte es lieber früher wissen sollen.
Wie hat sich Ihr Verlag verändert in den 20 Jahren?
Es ist natürlich so, dass Bücher mit Büchern finanziert werden. Es gibt immer welche mit denen sie keine Sorgen haben und jene, mit denen sie Sorgen haben. Unser erfolgreiches Arbeiten ist ganz wesentlich den illustrierten Büchern zu verdanken. Aber wir haben jedes Jahr einen Lyrikband gemacht, so etwas planen sie immer mit negativem Betriebsergebnis. Ebenso, wenn sie einen Autor neu ins Geschäft bringen wollen. Dieses Spannungsfeld hat es auch bei uns immer gegeben. Darum ist das Segment Belletristik oder Sachbuch immer etwas kleiner gewesen. Wir haben aber auch große Kataloge gemacht, die ertragreich waren – die Mischung macht’s.
Ist Ihnen eine große Entdeckung geglückt?
Das passiert natürlich fast aller Nasen lang. Wir haben ja das erste Buch von Uwe Tellkamp gemacht, wir haben Klaus Funke mit den Musikbüchern auf den Markt und wir haben Illustratoren ins Gespräch gebracht. Unsere ersten graphischen Bücher waren Brecht und Benn, ich wollte die Antipodenschaft der Literatur zeigen. Da haben wir für Brecht einem damals wirklich unbekannten Mann die für ihn erste Buchillustrationsarbeit gegeben: Klaus Süß in Chemnitz. Anschließend ist er, wegen der irisierenden Bilder in dem Band, wie ein Komet aufgestiegen, hat Fuß gefasst in Europa und darüber hinaus.
Sie wollten eigentlich mit Ende 75 aussteigen aus dem Verlag unter dem Gesichtspunkt, dass Ihr Sohn Michael allein das Regiment führt. Nun ist er aber seit über einem Jahr Leipzigs Kulturbürgermeister. Dennoch wollen Sie sich aus dem Verlag zurückziehen. Wie geht es jetzt weiter?
Das ist nicht leicht zu beantworten. Ich kann nur sagen: Es gibt das Bestreben, dass der Verlag so weiterarbeitet wie im Moment. Dazu werden Gespräche geführt, dazu wird eifrig verhandelt. Es gibt einen Knackpunkt: Der Verlag kann vermutlich nur erfolgreich weiterarbeiten, wenn er die Einzelpersönlichkeit, die Verlegerpersönlichkeit an der Spitze hat. Er könnte nicht erfolgreich arbeiten, wenn er irgendwo angeschlossen würde – da gibt es natürlich auch entsprechende Angebote – und man aus fremden Terrain heraus mit irgendwelchen Managertypen das Unternehmen am Laufen halten wollte. Darum neige ich dazu, das nicht zu machen. Ich suche die Einzelpersönlichkeit, die den Verlag leiten kann. Die Einzelpersönlichkeit braucht aber nicht nur das verlegerische Geschick, sondern sie braucht ein paar Pfennige Geld dazu, um in den Verlag vollständig einzusteigen.
Haben Sie denn einen Favoriten?
Die Crux ist, dass die Leute, die ich haben will, Schwierigkeiten haben, zu kaufen. Ich weiß jetzt noch nicht, wie das ausgeht. Natürlich gibt es auch immer die Möglichkeit, so einen Verlag mal ruhen zu lassen und nur die Tagesgeschäfte abzuwickeln, nur ist das absolut nicht mein Konzept. Aber eines weiß ich: dass wir beide, meine Frau und ich, am 31.12.2010 aussteigen. Die ganzen Diskussionen, ich könne das nicht machen und das sei doch sinnlos, die fangen an, bedeutungslos zu werden. Ich gehe auf die 77 zu und meine Frau wird 73. Wenn sie ein bestimmtes Alter erreicht haben, dann ist eben Schluss.
Es ist der Abschied von einem Lebenswerk.
Es ist kompliziert. Michael und ich waren ein Traumteam. Natürlich akzeptiere ich seine Entscheidung, dennoch war sein Weggang für mich, als würde ich der Hölle ausgeliefert. Mir hat das wirklich wehgetan, dass sich diese Gemeinschaft verwandter Seelen aufgelöst hat.
Interview: Janina Fleischer