Leipzig. Alles Neue bringt der Mai, heißt das dieser Tage gerne verwendete Sprichwort. Für die Leipziger Musikmesse (Pop Up, die seit neun Jahren jährlich die unabhängige Musikszene in die Messestadt lockt, trifft dies zu. Auch wenn das Neue eine Variation des Alten ist, sorgte die Messe für ein Wochenende mit Musik, Gesprächen und Popfantum.
Im vergangen Jahr wagte die Crew der Messe den Sprung vom angestammten Veranstaltungsort im Werk II in den Volkspalast. In diesem Jahr folgte der Schritt zurück ins Leipziger Werk II. Mit der neu eröffneten Halle D ist nun ein weiterer Konzertort auf dem Gelände, was das Festival wieder dichter zusammen rücken ließ.
Nach dem ersten Diskussionsforum der Messe, das sich mit Problemen der Gentrifizierung beschäftigte, begrüßte Leipzigs LateNite-Show-Master Donis die Gäste der Messe bereits am Freitagabend zu einer Sonderausgabe. Er moderierte dazu im Boxring, der im hinteren Teil der Messe aufgestellt wurde. Hier sollten in den nächsten Tagen keine Schlagabtausche, sondern kurze Interviews mit Musik(kutur)schaffenden stattfinden. Donis brachte eine Mischung seiner Showteile, sprach über missratene Flyer, las kurze Gedichte vor und schlüpfte in allerhand Kunstfiguren, die er über die Jahre entwickelt hat. Den Besuchern gefiel dies, auch einigen der Zugereisten.
Durch die Umgestaltung des Werk II mit seiner neuen Halle konnten die Musikfans an den beiden Messe- und Festivaltagen zwischen zwei Bühnen auf dem Gelände und dem UT Connewitz pendeln. Dort gab es am Freitagabend etwa das Konzert von The Whale Watching Tour aus Island zu bewundern: Riesige Klanglandschaften bäumten sich dort auf, experimentell, sperrig und beeindruckend für viele Besucher. Am Abend ging es dann bei Konzerten im Ilses Erika, dem dritten Club im Bunde, weiter bis spät in die Nacht.
Am Samstag zeigten sich die ersten Folgeerscheinungen des Feierns: Langsam trudelten die ersten Besucher auf der Messe ein. Viele hatten auch die Chance wahrgenommen, bereits am Vortag bei den etwa 100 Ständen von Magazinen, Radios, Labels, Agenturen, Webportalen und anderen Schaffenden der Branche vorbeizuschauen. Auch eine Neuerung im Jahr 2010, denn früher fand die Messe nur am Samstag statt. Mittags zu den Diskussionspanels herrschte allerdings Betrieb, schließlich wurde das aktuelle Thema diskutiert, ob Musikjournalismus von Algorithmen, also Programmen, die einem über das Internet Musikvorschläge liefern können, abgelöst werden könne.
Später legte der muskelbepackte Elektromusiker Rummellsnuff einen Miniauftritt hin, um im Anschluss mit weiteren Kollegen über Authentizität in der Musik zu sprechen.
Wer anstatt die Vorträge zu besuchen über die Messe schlenderte, stellte fest, dass sich viele Betreiber Besonderes für ihre Stände einfallen ließen. So baute das Hamburger Label Audiolith etwa eine Mini-Landidylle auf, während das Missy Magazine, das sich mit Popkultur für Frauen beschäftigt, ihre Präsentationsfläche im Stil eines Wurststandes gestaltete. Am Vinylomat konnten sich Besucher ihre mitgebrachten Songs auf eine 7-Inch-Schallplatte schneiden lassen.
Den einzelnen Ständen steht seit Jahren die Größe eines Bauzauns als Präsentationsfläche zur Verfügung. 2010 überlegten sich die Macher der Messe, das Publikum über den kreativsten Stand abstimmen zu lassen und vergaben dafür erstmalig den „Goldenen Bauzaun“. Mit großem Abstand vor ihren Kollegen konnten sich Lars Lewerenz und sein Label Audiolith mit ihrem Bauernhofstand durchsetzen.
Im Zuge der alljährlichen Publikumsumfrage wurde aber nicht nur der Besitzer des schönsten Messestandes gekürt. Wie der Show-Master Weng Holster erzählte, ergab die Mini-Befragung auch, dass den meisten Besuchern an der Messe vor allem das Familiäre gefalle. Fürs nächste Jahr erhoffen sich viele Besucher noch mehr Interaktion an den Ständen. Man kann also gespannt sein, was sich die Aussteller noch einfallen lassen, um mit ihren Kunden oder mit den potentiellen Neuentdeckungen für ihr Label in Kontakt zu treten.
Einiges an Interaktion gab in diesem Jahr bereits. So boten die Button-Hersteller Floss Bros aus Leipzig den Besuchern an, sich selbst Buttons zu basteln. Der Schlagzeughersteller Rockstroh Drums aus Leipzig lud zum Spielen ein und erzählte davon, wie die Schlagzeuge in Handarbeit gefertigt werden - Unikate sozusagen.
Auch viele der Aussteller waren mit dem Feeling auf der Messe zu frieden. Stefanie Lohaus vom Missy Magazine war im vergangenen Jahr als Gast auf der Messe im Volkspalast, fand aber das Werk II als Messeort passender und meinte, dass es schöner sei, „dass es hier ein Bisschen enger ist.“ Komfortabler für die Besucher sei es auch, alles kompakter zu haben, mit kürzeren Wege. Michel vom Independetvertrieb Broken Silence bestätigte dies, stellte aber auch kritisch fest, dass „in diesem Jahr der Zuspruch nicht so groß“ gewesen sei.
Spazierte man an den Messetagen in der Gegend um das Connewitzer Kreuz herum, so wirkte es dennoch, als ob die Rückkehr der (Pop Up in den Leipziger Süden keine schlechte Idee war, denn das (Pop-Up-Feeling war wieder zu spüren: Die Straßen rund um das Werk II waren am Wuseln, die Besucher feierten mit vielen Bands, die es live zu entdecken gab.