Highfield Festival 2010
Rocken unter blauem Himmel: Das Highfield-Festival vor den Toren Leipzigs hat begonnen
Robert Nößler
Großpösna. „Guten Tag, Highfield“, ruft der Mann im Holzfällerhemd in die Menge. „Mein Name ist Frank Turner und ich spreche kein deutsch.“ Es ist 15.31 Uhr am Freitagnachmittag, als der Indie-Rocker aus Großbritannien die Premiere des Musik-Festivals am Störmthaler See eröffnet. Turner schlägt die ersten Riffs auf seiner Westerngitarre an und rund tausend Fans jubeln ihm unter strahlend blauem Himmel zu. Ingesamt sind etwa 20.000 Besucher ins Leipziger Neuseenland gekommen, um Rockgrößen wie Placebo, Blink 182, und Billy Talent live zu erleben – aber auch zahlreiche Newcomer.
Einer der Musikbegeisterten ist Patrick Kindermann. Wie viele andere ist der 26-Jährige aus dem niedersächsischen Rotenburg zusammen mit seinem Freund Adrie Baumann schon am Donnerstag angereist. „Das erste Highfield hier wollten wir uns nicht entgehen lassen. Die Stimmung ist super, aber das mit dem Wetter diese Woche war schon ärgerlich“, sagt Kindermann und spielt darauf an, dass das Festival wegen der sintflutartigen Regenfälle der letzten Tage kurz vor der Absage stand.
Stundenlang mussten die angereisten Fans am Donnerstag warten, bis der erste Campingplatz trocken genug war, dass sie ihre Zelte aufschlagen konnten. Die anderen beiden öffneten erst am Freitag. Auf dem Festivalgelände selbst sind zum Auftakt am Freitag allerdings kaum noch Pfützen zu sehen. Die Veranstalter haben ganze Arbeit geleistet: Mit Schotter, Holzschnitt und Metallplatten richteten sie das überschwemmte Areal in kürzester Zeit wieder her. Die mitgebrachten Gummistiefel bleiben bei den meisten Fans deshalb im Zelt.
Rotwein für das Publikum
„Ziemlich heiß hier oben“, meint Festival-Opener Frank Turner und überlässt die Bühne kurz danach den Skatepunkern von Millencolin. Während die vier Schweden ihren Hit „No Cigar“ von der Main Stage schreien, kommt die Festival-Gemeinde zum ersten Mal in Wallung. Der wilde Pogo-Tanz der jetzt mehreren tausend Fans wirbelt ordentlich Staub auf.
Kurz darauf verschüttet Eugene Hütz im Sonnenuntergang eine Flasche Rotwein in Richtung Publikum. Wie ein Verrückter rennt der Frontmann von Gogol Bordello auf der Main Stage hin und her und reißt sich nach den Hits „Pala Tute“ und „My Companjera“ das verschwitzte Jacket vom Leib. Der Gypsy-Punk der achtköpfigen Combo aus New York trifft den Geschmack des Publikums wie eine Steinschleuder – eine baumelt passenderweise am Hals des Sängers. Zu den Melodien von Gitarre, Akkordeon und Geige werfen die Fans ihre Hände nach oben, um kurz darauf bei treibenden Beats zu einer springenden Masse zu verschmelzen.
Während auf der zweiten Festivalbühne im Zelt die Fotos aus Hamburg und die Band The Drums dem Publikum einheizen, lassen mit Einbruch der Dunkelheit auf der Main Stage bereits die WIZO ihre Gitarren krachen. Einige Festivalfans aus der ersten Reihe sind beim Festival-Comeback der Punkrocker aus Baden-Württemberg so erschöpft, dass von den Securitys aus der Masse gezogen werden müssen.
Wir sind Helden feiern umjubeltes Comeback
Auch die deutsche Pop-Band Wir sind Helden meldet sich mit ihrem Highfield-Auftritt eindrucksvoll zurück. Nach zwei Jahren Pause haben Judith Holofernes & Co. neben Dauerbrennern wie „Guten Tag (Die Reklamation)“, „Aurelie“ oder „Denkmal“ auch frische Songs im Gepäck. Und zeigen sich dabei musikalisch von einer neuen Seite. So schlagen sie mit der Ballade „Bring mich nach Hause“ ungewohnt melancholische Töne an. Bei „Alles auf Anfang“ singt das Publikum dagegen zu Schifferklavier den Refrain.
Foto: Lydia Rech
Rockten das Publikum auf der Highfield-Zeltbühne: Die Briten von Good Shoes.
Als Holofernes die Zuschauer zum Tanz auffordert, lassen die sich nicht lange bitten. „Es scheint mir, als wärt ihr in den letzten Jahren nicht aus der Übung gekommen“, ruft ihnen die Frontfrau im schwarzen Kleid zu. Wir sind Helden sind „Gekommen um zu bleiben“ – zur Freude der Fans.
Punkt Mitternacht läutet dann ein Blitzlichtgewitter den Höhepunkt des ersten Festivaltages ein. Schon 2007 gehörten Billy Talent zum Highfield-Lineup – damals noch im thüringischen Hohenfelden. Drei Jahre und einen Festival-Umzug später sind sie einer der Headliner und erfüllen mit ihrer energiegeladenen Performance alle Erwartungen der Fans. „This Suffering“, „Surrender“ und „Fallen Leaves“ – vor allem die Songs vom zweiten Album, mit dem die Kanadier den Durchbruch schafften, bringen die Stimmung zum Kochen.
„Wollt ihr die Sau rauslassen?“, kreischt Sänger Benjamin Kowalewicz mit heiserer Stimme ins Mikrofon. Kurz darauf springt ein Typ im Gorillakostüm auf die Bühne und wirft Bananen ins Publikum. Warum, bleibt ungeklärt. Als dann hinter den vier Kanadiern ein rotes Banner auftaucht, wissen die Fans aber sofort bescheid. Mit ihrer Punk-Hymne „Red Flag“ verabschieden sich Billy Talent nach 80 Minuten von der Bühne. Für die Highfield-Gemeinde ist die Nacht da noch lange nicht vorbei. Im Diskozelt rocken die Hartgesottenen bis in die frühen Morgenstunden weiter.
© LVZ-Online, 21.08.2010, 01:59 Uhr