VERANSTALTUNGEN

Terminkalender
 
  • Veranstaltungen
  • Kino
 

Termine in und um Leipzig

Heute noch nichts vor, aber Lust auf Kino, Konzert oder Theater? Im Kalender finden Sie eine Vielzahl von Veranstaltungsterminen in der Messestadt – übersichtlich aufgelistet und jeden Tag aktuell. Da ist für jeden Geschmack etwas dabei.

 
 
 
 

Heute im Kino

Welcher Film läuft wann in welchem Kino? Stöbern Sie im Terminkalender durch das Programm aller Lichtspielhäuser der Messestadt und finden Sie genau die Hollywood- oder Arthouse-Produktion, die Sie nicht verpassen dürfen.

 
 
 
 
 
 

Soundtrack fürs Leben

 
Foto: André Kempner Es ist immer mindestens ein Song, der für ein Gefühl oder eine Erinnerung steht: Ein Soundtrack, der einen immer begleitet. Leipziger Promis erzählen von ihrem Liebling.
 

VIDEOCENTER

alle Videos
 

 

Oops Fehlerbox

 

Ihre Meinung ist uns wichtig

Sollten Sie einen Fehler gefunden oder eine Anmerkung für uns haben, sind wir dankbar für alle Hinweise. Schicken Sie uns eine E-Mail an desk@lvz-online.de .
 
Kultur

Monumentale Miniaturen – Clemens Meyers legt neues Buch "Gewalten" vor

Leipzig.  „Ein Tagebuch“, wie harmlos das klingt in seiner absolut gesetzten Persönlichkeit. Aber in dieses Tagebuch hat der Leipziger Autor Clemens Meyer die Welt hineingesenkt: Fußball und Guantánamo, den Fall Michelle und den Literaturbetrieb, den Amoklauf von Winnenden und das Sterben eines Freundes, die alptraumhaft durchlittene Erfahrung in der psychiatrischen Notaufnahme, den Tod des eigenen Hundes ...

Elf monumentale Prosa-Miniaturen, durchweg so lange bearbeitet, geschliffen, poliert, bis sie wirken, als seien sie im Rausch aus dem vollen Marmor-Block gehauen. Ungeheuer kunstvoll in der derben Wucht ihrer Sprache, ungeheuer rücksichtslos in der Wahl der Perspektiven, unerträglich beinahe in der Annäherung an Sujets, zu denen eigentlich kein sprachlicher Weg führt.

Clemens Meyer Porträt   Der Leipziger Autor Clemens Meyer
Winnenden beispielsweise. „German Amok“ hat Meyer diesen Text überschrieben und sich der monströsen Logik eines Amokläufers über den Umweg eines Video-Spiels anzunähern versucht. Ein zynischer Ego-Shooter nimmt da Gestalt an, in dem für maximale Punktzahl wirklich alles zu bedenken ist. Das persönliche Aggressionslevel ebenso wie die Wahl der Waffen, der Opfer, des Wochentags. Atemlos sind da Sätze gereiht wie: „Ich jage dem Typen noch eine rein, ein zweiter Donnerschlag, da die Drecksau sich noch rührt, bin ein bisschen erschrocken, weil sein halber Kopf weg ist jetzt. Ich habe den vorderen Lauf vorher abgesägt, schön handlich die Wumme.“

Am Ende dieses Textes steht als Datum der 11. März 2009. Das Blutbad von Winnenden war da sechs Tage alt – und seither ist nicht wieder so entsetzlich erhellend darüber geschrieben worden. Weil Meyer den fiktiven Strategie-Ego-Shooter nicht als potenziellen Verantwortlichen bemüht, sondern als Vehikel.

Clemens Meyer hat ein Tagebuch verfasst. (Coverausschnitt)   Foto: PR Clemens Meyer hat ein Tagebuch verfasst. (Coverausschnitt)
Erst über diese Bande gespielt, ist es dem Autor möglich, aus der für ein „Tagebuch“ obligatorischen Ich-Perspektive das Unbeschreibliche zu beschreiben, seine Logik freizulegen, die Menschen als Animationen auszublenden, die im Leben zu Opfern wurden.

Verständnis ist nicht Ziel noch Inhalt dieses verstörenden Textes, sondern Verstehen. Und darum geht es auch in „Der Fall M“. Es geht um Michelle, die 2008 ermordet wurde. Und es geht um ihren Mörder, der 2009 die Tat gestand. Für den findet Meyer, der den Prozess in Leipzig besuchte, Akten studierte und den Umgang der Medien mit dem Fall, keine direkte Ich-Perspektive. Hier schlüpft der Autor in die Rolle eines Dritten, der dem Täter gegenübersitzt und um Vertrauen wirbt: Beinahe zutraulich umschleicht er argumentativ den wortlosen Täter auf der Suche nach Sinn. Geht dabei selbst bis zum Äußersten: „... kannst du dir vorstellen, dass ich ein paar Mal, ist aber auch schon ’ne Weile her, geträumt habe, ich würde meine Schwester ficken?, also da red ich nicht gerne drüber, siehst du, wie ich dir vertraue!, aber für seine Träume kann man ja nix? Stimmt’s?“ Atemlos reihen sich da die Satzteile, hineinsaugend in den Strudel äußerster Gewalt. Und auf der Suche nach Erkenntnis letztlich doch erfolglos.

Sprache an der Grenze ist dies – und doch keine Literatur, die die Grenze um der Provokation oder um ihrer selbst Willen aufsuchte. Dafür ist das alles zu präzise ausgeformt, zu genau kalkuliert, zu zwingend rhythmisiert. Meyer öffnet mit dieser Literatur ein Fenster zur Schattenseite der Seele, nähert sich dem Unsagbaren über das Erzählen, lässt immerhin fühlen, was dem Verstehen sich verschließt: Gewalt.

Clemens Meyer auf einer Lesung in der LVZ-Kuppel.   Foto: André Kempner Clemens Meyer auf einer Lesung in der LVZ-Kuppel.
Dabei thematisiert das Schreiben sich gleichsam selbst, öffnet auch ein Fenster in die Werkstatt des Clemens Meyer, macht den Leser zum schmerzhaft nahen Zeugen der Zeugung von Texten. Die Vorbilder aus Film und Literatur huschen durchs Bild, und bisweilen ist es, als spiele Meyer die Realität durch, um sie auf ihre Tauglichkeit als Sujet fürs große Format abzuklopfen.

Wut, Schmerz, Trauer, Hass, Zorn, Liebe, Hilflosigkeit, Angst atmen diese Texte, diese Wort gewordenen Bewusstseinsströme aus dem strukturellen Niemandsland des Expressionismus, die so unterschiedlich sind und doch einen verbindlichen gemeinsamen Ton haben. Mehr noch ist es ein Rhythmus, dieser Meyer-Rhythmus, der dafür sorgt, dass die elf Gewalten zu einer Einheit verschmelzen.

zum Thema Kurzgeschichte von Meyer diente als Filmvorlage Meyerund drei weitere Autoren in der LVZ-Kuppel Zum Buchmesse-Special
„Mein Film ist kein Film. Mein Film handelt nicht von Vietnam. Mein Film ist Vietnam“, zitiert Meyer in „Bernstein“, dem Kapitel das davon handelt, wie er, der Tagebuch-Meyer, an einem Drehbuchprojekt über Guantanamo zerbricht, Francis Ford Coppola, über „Apocalypse Now“. Dies gilt auch für dieses Buch. Es ist keines über Gewalten. Es ist Gewalt.

Clemens Meyer: Gewalten. Ein Tagebuch. S Fischer Verlag; 192 Seiten, 16,95 Euro.

Am 21. März, 14 Uhr, ist Clemens Meyer auf der Leipziger Buchmesse mit „Gewalten“ zu Gast in der LVZ-Autorenarena (Halle 5 ). Das Programm der Autorenarena finden Sie in unserem Buchmesse-Special .
 
Kommentar schreiben
Vorname Name *

Ihr Kommentar (mindestens 20 Zeichen)*

  Ich habe die Nutzungsbedingungen gelesen und akzeptiere diese.

* Pflichtfelder, bitte ausfüllen