Leipzig. „Als ich fortging, war die Straße steil, kehr wieder um." Es gab für mich kein Umkehren. Eine Reisetasche und ein Einberufungsbefehl, ein naiver Junge, gerade mal 18 Jahre alt, 1,59 Meter klein, der ständig seinen Ausweis zeigen musste, weil man ihn für wesentlich jünger hielt.
Mai 1989: Ich saß in Bus und Bahn, das erste Mal außerhalb meiner erzgebirgischen heilen Welt, mit Zielort Eggesin am Stettiner Haff - „Waldmeer, Sandmeer, gar nichts mehr", wie ich später erfahren musste.
„Als ich fortging, war‘n die Arme leer, kehr wieder um", tönte es aus den Radios - gefühlte hundert Mal. Schon vorher hatte ich den Eindruck gehabt, dass an den Einberufungs-Tagen dieses Lied von Karussell mit dem Text von Gisela Steineckert besonders oft gespielt wurde. Nun war es das persönliche Lied meiner Einberufung - melancholisch, verträumt. Die schöne Ruhe vor dem Sturm. Ein Sturm, der mich aus meiner verklärten sozialistischen Welt in den knallharten Drill einer Unteroffiziersausbildung holte.
„Sie Micky Maus!", schrie mich ein Hauptmann an, als ich mich - noch in Zivil, mit einem freundlichen „Guten Tag" in seinem Dienstzimmer meldete. Ich lernte das richtige Melden später noch, und der Hauptmann musste lernen, dass ich nicht gewillt war in den ASV (Armeesportverein) einzutreten - man trifft sich immer zwei Mal im Leben!
Ich habe die SaKiMa (Sand- und Kiefernmacke) durchstanden, war um einige Illusionen ärmer und wusste glücklicherweise: „Nichts ist unendlich".
Es kam die Wende: „Nichts ist von Dauer, was keiner recht will", und ich habe die Hoffnung, dass dieser Satz auch für den Kapitalismus, wie wir ihn jetzt erleben müssen, gilt.
„Ich weiß, du willst unendlich sein, schwach und klein", klingt es aus dem Radio, und ich bin wieder der kleine, verträumte Junge mit seinen ersten Schritten in eine andere Welt.