Soundtrack
Raschelnde Herbstblätter und Glockenläuten - Claudius Bruns über seinen Soundtrack
Claudius Bruns
Foto: Alexander Bruns
Claudius Bruns, Mitbetreiber des Horns Erben und Musiker
Es ist immer mindestens einer. Ein Song, der für ein Gefühl, eine Erinnerung, eine Erfahrung steht. Ein Soundtrack, der einen lebenslang begleitet. Wir fragten Protagonisten aus der Leipziger Kultur-Szene nach ihrem ganz persönlichen, prägenden Song. Claudius Bruns, Mitbetreiber des Horns Erben und Musiker, hat uns zwei Geschichten geschrieben – die so zauberhaft sind, dass wir keine von beiden vorenthalten wollen:
Es mag verwunderlich klingen, aber ich ernähre mich seit Jahren vom Geräusch raschelnder Herbstblätter. Das hat auch nichts mit Hexerei zu tun, die Pflanzen geben bei ihrem Sterben die in ihnen gespeicherte Sonnenenergie als hochfrequente Pulsmodulation in Form von Chlorophyllstrahlung ab, die dann im Innenohr akustisch verdaut wird. Jeder kennt diesen alltäglichen Vorgang, es bleiben manchmal kleine Verdauungsreste dort zurück, was bei viel Verhör eine sorgfältige Ohrhygiene empfiehlt. Wenn ich meine Kollegen mittags ausgehungert in die Kantine strömen sehe, nehme ich einfach ein frisches Blatt Herbsteiche aus der Tupperdose und zerraschel es schnell zwischen den Händen. „Rischel raschel, krischel kraschel, Blatt gibt, Ohr nimmt, Seele singt – danke Baum". Kindern ist dieser Vorgang in ihrer natürlichen Naturverbundenheit natürlich noch sehr vertraut, sie suchen im Herbst instinktiv die Nähe zum Laub, wühlen es mit ihren kleinen Füßen durcheinander und sichern sich so diese wichtige und uralte Nahrungsquelle. Der Mensch verfügt eben über Ressourcen, die die moderne Wissenschaft nicht erklären kann, dem gesunden Menschenverstand aber nur allzu offenbar sind!?
Meine Großmutter wohnte im alten Fachwerkhaus gegenüber der Kirche in einem kleinen Ort im Sauerland. Wenn wir als Kinder zu Besuch waren, gab es dort ein großes Zimmer mit vielen Betten, in dem alle spielten und übernachteten. Sonntags morgens in der Früh, wenn die Erwachsenen noch schliefen, wurden wir vom langsamen Einläuten der Glocken geweckt. Die tiefen Klänge drangen durch die bunten Fäden unserer Träume. Die Großen liefen ans Fenster, die Kleinsten zogen sich am Fensterbrett hoch, und gemeinsam betrachteten wir in Hut und Mantel gekleidete Menschen, die über den Kirchplatz ins Gotteshaus gingen. Ruhe und Beständigkeit des Läutens umfingen mich, der Atem der Geschwister strömte warm, und gemeinsam schaukelten wir in den Tag. Ich suche immer noch nach einem Wecker, der nicht klingelt, sondern läutet. Vielleicht ein Glocken-App fürs Smartphone?
© LVZ-Online, 15.12.2011, 19:22 Uhr