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Wave Gotik Treffen

„Akademiker- und Arbeiterkinder“ Thomas Schmidt-Lux erforscht das Wave-Gotik-Treffen

Leipzig. 20.000 Anhänger der schwarzen Szene strömen jährlich über Pfingsten nach Leipzig, doch fundierte Erkenntnisse darüber, wer sich unter den dunklen Kleidern verbirgt, sind eher rar. Was die Gothic-Szene ausmacht, die Szenegänger fasziniert und zusammenhält, versuchen dieser Tage Studenten des Instituts für Kulturwissenschaften der Uni Leipzig zu erkunden. Unter Mitwirkung von Thomas Schmidt-Lux erforschen sie im Fachbereich Kultursoziologie das Wave-Gotik-Treffen (WGT).

Was bedeutet ein Treffen wie das WGT für eine Szene?

Thomas Schmidt-Lux: Generell findet man solche Großtreffen in einer Reihe von Jugend- oder Fan-Szenen, etwa als Konzerte oder Open-Airs. Die Zwecke gleichen sich: Es treffen sich zahlreiche Leute, und jeder sieht, dass er nicht allein ist. Zu wissen, dass sich noch andere für die gleichen Dinge interessieren, hilft später, dem Szene-Dasein auch allein weiter nachzugehen, zum Beispiel als Gothic im ländlichen Raum. Ganz wichtig ist aber auch, dass man Leute kennenlernt und sich über Neuigkeiten hinsichtlich Kleidung oder Musik austauscht.

Wo liegen die Wurzeln der Gothics?

Thomas Schmidt-Lux: So viel man bisher weiß, ist die Szene Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre entstanden. Einige Einflüsse kamen wohl aus der Punk-Richtung, aber viele Angehörige dieser Szene waren vorher nicht in eine andere involviert. Der Ursprung liegt in Großbritannien, und Deutschland wurde recht schnell ein Schwerpunkt.

Wie wird man Gothic?


Thomas Schmidt-Lux: Das weiß man nicht genau. Im Gegensatz zur Fußball-Szene, wo einen oft der Vater oder Großvater das erste Mal ins Stadion mitnimmt, scheinen die Szene-Beitritte hier anders zu verlaufen: Auch hier kann es zwar sein, dass man jemanden kennt, der einen mitnimmt, und dann gefällt es einem oder gefällt einem nicht. Aber besonders über die große mediale Präsenz und vor allem durch die Musik erhält die Gothic-Szene viel Zulauf.

Es gab die These, dass vor allem Menschen, die Schicksalsschläge erlitten hätten, sich in dieser Szene sammelten.


Thomas Schmidt-Lux: Darüber existieren wenige Zahlen, und das würde ich ausschließen. Die Szene ist sozialstrukturell, also was Einkommen, Bildung und Herkunft betrifft, ausgesprochen heterogen. Erstaunlicherweise scheint es Akademiker- und Arbeiterkinder gleichermaßen hinzuziehen. Die haben auf keinen Fall alle die gleichen Motivationen und schon gar keine problematischen.

Welche Ideen prägen die schwarze Szene besonders?


Thomas Schmidt-Lux: Die Gothics sind weniger politisiert als andere Szenen. Dort regelt sich viel über Alltagspraktiken und Stile, also zum Beispiel Kleidungs- oder Musikvorlieben. Interessanterweise scheint es aber so, als lasse sich die Szene auf kein einheitliches Weltbild festlegen, so dass man sich schon lange fragt, was die Menschen eigentlich zusammenhalten mag. Die Szene selbst betont immer wieder, dass Gewaltlosigkeit und Friedfertigkeit allen gemeinsam sei - dem werden wir nachgehen.

Wie wirkt das WGT auf Leipzig als Stadt, als soziales Gefüge?

Thomas Schmidt-Lux: Im Vergleich zu anderen Szenen gab es hinsichtlich der Gothics eine ganze Menge Ängste, die sich aber inzwischen relativiert haben. Das sieht man an Leipzig ja ganz gut. Der Umgang hat sich normalisiert,  als man merkte, dass es nichts zu befürchten gibt, auch wenn manche Szenegänger das vielleicht wieder als langweiligen Mainstream empfinden. Die Frage, wie Festival-Teilnehmer und Passanten oder Anwohner mittlerweile interagieren, wird uns auch in einem Seminar beschäftigen.

Wie erforschen Sie mit den Studenten das WGT?

Thomas Schmidt-Lux: Die Studenten sollen in diesem Modul soziologische Forschungsmethoden erlernen und einüben. Eine Seminargruppe wird sich im Zuge dessen der Gothic-Szene über Diskursanalysen von Fanzines oder einschlägigen Internet-foren annähern, und andere werden die Festival-Teilnehmer des WGT mit einem Fragebogen befragen. Eine dritte Gruppe führt teilnehmende Beobachtungen auf dem Festival durch.

Was erfahren Sie mit dieser Methode?

Thomas Schmidt-Lux: Wir können die Festival-Besucher hinsichtlich ganz verschiedener Aspekte beobachten: Welche Rolle spielen Kleidungen und Symbole? Wo und wie findet Interaktion mit Außenstehenden statt? Welche Geschlechterordnungen gibt es und wie werden sie inszeniert? Wie geht man in der Szene mit Kindern um? Wo findet Kommerzialisierung statt und wie reagiert man darauf? Das geschieht nicht verdeckt, sondern die Studenten sollen als halbwegs natürlicher Teil der Szene auf dem WGT unterwegs sein.

Worin besteht das Ziel der Forschung?

Thomas Schmidt-Lux: Der gegenwärtige Forschungsstand über die schwarze Szene ist sehr unbefriedigend. Wir wollen verlässliche Daten über die Festival-Besucher des WGT hervorbringen. Vielleicht entstehen daraus ein paar kleinere Aufsätze, aber es ist schon viel gewonnen, wenn wir und die Studenten dabei etwas lernen.
 
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