Leipzig. Entsetzt und besorgt haben sich
die Ratsfraktionen über die Entwicklungen bei den Kommunalen Wasserwerken
Leipzig (KWL) geäußert. Der sich durch die Finanzspekulationen der
Ex-Geschäftsführer Klaus Heininger und Andreas Schirmer anbahnende dreistellige
Millionenverlust könne die Subventionierung der Leipziger Verkehrsbetriebe
gefährden und dem Stadthaushalt dringend benötigte Mittel entziehen, heißt es.
CDU-Fraktionschefin Ursula Grimm erklärte am Mittwoch bei der
Haushaltsdebatte im Stadtrat, dass die Dimension der Entwicklung alle Vorstellungen
übertrifft. "Bei aller Distanz und allen Vorbehalten, die es seitens
unserer Fraktion gegenüber einigen Geschäftsführern der kommunalen Unternehmen
gab, mit diesen scheinbar wahrhaft kriminellen Aktivitäten hat wohl keiner
rechnen können", sagte sie.
Obgleich die finanziellen
Transaktionen ausschließlich bei den KWL stattfanden, seien Auswirkungen auf
alle Stadtfirmen und damit auf den Stadthaushalt zu befürchten. Insbesondere
sei offen, ob die kommunalen Betriebe weiter ihre so genannten Gesellschafterdarlehen
bedienen können - also ob die Unternehmen weiter ihre fest eingeplanten Gewinne
an das Rathaus abführen können, nachdem sie die Millionenforderungen beglichen
haben, die dem Stadtkonzern nach Ansicht von Experten wegen der missglückten
Finanzspekulationen ins Haus stehen. "Was wird mit der
Verkehrsleistungsfinanzierung?", fragte die Christdemokratin weiter.
Gemeint ist damit die in Leipzig seit Jahren übliche Praxis, mit den Gewinnen
der Wasserwerke und der Stadtwerke steuersparend die Verluste der Leipziger
Verkehrsbetriebe (LVB) auszugleichen. Bislang reichten die Gewinne dafür aus -
aber wenn das Geld wegen der wahrscheinlichen Millionenforderungen nicht mehr
reichen sollte, könnten Einschnitte im Fahrplan der LVB die Folge sein.
Ilse Lauter von der Linkspartei erinnerte im Rat daran, dass die Entwicklung
der Stadtfirmen noch bis 2008 eine Erfolgsstory gewesen sei. "Im Jahr 2009
wurde offensichtlich, dass diese Erfolge endlich sind", erklärte die
Fraktionschefin. "Der eine oder andere Geschäftsführer wurde in solch
einer Situation ,kreativ' und sah einen Ausweg in kriminellen Transaktionen.
Meine Fraktion fordert die bedingungslose Aufklärung der Hintergründe und
Verantwortlichkeiten für diese Vorgänge - ohne Ansehen der Person und der Funktion."
Axel Dyck von der SPD-Fraktion erinnerte an einen Bericht, in dem die
Ex-Geschäftsführer kurz vor ihrer Entlassung ihre "gesellschaftliche
Verantwortung" herausstrichen. "Der ganze Bericht muss unter den
aktuellen Gegebenheiten als in Worte gegossene, philosophisch verbrämte
Verantwortungslosigkeit der beiden Herren gegenüber ihren Mitarbeitern, ihren
Kunden und ihren Gesellschaftern interpretiert werden."
Wolfram Leuze von den Grünen forderte eine Neubewertung des Verhältnisses der
Stadt zu ihren Betrieben. "Wir müssen unsere Beziehungen auf gesunde Füße
stellen", erklärte der Fraktionschef. "Dazu gehört zum Beispiel die
Feststellung, dass nicht überall, wo Darlehen drauf steht auch ein Darlehen
drin ist. Und dass kommunale Unternehmen kein Reparaturtrupp für kommunale
Haushaltslöcher sind."
Auch Reik Hesselbarth von der FDP forderte eine Neuausrichtung. "Es ist
nicht die Aufgabe einer Kommune, Risiken im Wirtschaftsverkehr zu
übernehmen", erklärte der Fraktionschef. "Dafür zahlt niemand
Steuern." Die Stadt sollte sich künftig nur noch auf unternehmerisches
Engagement zur Daseinsvorsorge konzentrieren. "Aber von anderen
Unternehmen müssen wir uns verabschieden."
Michael Burgkhardt von der Bürgerfraktion erinnerte daran, dass ähnliche
Entwicklungen auch anderswo stattfinden. "Was andernorts die von Pierers,
Middelhoffs und Wiedekings sind, das sind hierzulande andere, allgemein
bekannte Herren", erklärte der Fraktionschef. Jetzt müsse besseres
Personal gefunden werden. Doch auch dies könne "unter Umständen eine
Glückssache" sein.