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Junge oder Mädchen? Ärzte informieren über hormonell bedingte Sexualstörung in Leipzig
Meike Strüber
Leipzig. Freude im Kreißsaal: Das Kind ist da - und das erste, was die Hebamme der Mutter zuruft, ist „Glückwunsch, es ist ein Junge“. Aber ist es wirklich ein Junge? Eines von etwa 10.000 Neugeborenen in Deutschland leidet unter einer angeborenen Erkrankung der Nebenniere - dem sogenannten adrenogenitalen Syndrom (AGS). Durch den Enzymdefekt entstehen bereits im Mutterleib zu viele männliche Hormone. Die Folgen sind bei betroffenen Mädchen schon bei der Geburt sichtbar. „Fast alle Mädchen haben ein vermännlichtes äußeres Genital”, erklärt Professor Helmuth Dörr von der Kinder- und Jugendklinik der Universität Erlangen. Das Mädchen muss operiert werden, um ein normales Sexualleben führen zu können.
Wie Ärzte eine korrekte Geschlechtszuweisung sicherstellen können und wie Patienten mit AGS lebenslang versorgt werden sollten, erläutert Dörr auf dem 53. Symposion der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) in Leipzig, auf dem Ärzte und Wissenschaftler noch bis Samstag über aktuelle Erkenntnisse aus der Hormonforschung diskutieren. Endokrinologie ist die Lehre von den Hormonen und dem Stoffwechsel sowie den Erkrankungen auf diesem Gebiet.
Extreme psychosoziale Belastungen
„In der Regel ruft der Vater sofort im Sportverein an, um zu sagen, ob es ein Junge oder Mädchen ist. Und auch das Amt möchte das ziemlich schnell wissen“, so Dörr. Dabei sei zunächst eine sorgfältige Untersuchung wichtig, um eine Verwechslung des Geschlechts auszuschließen - und Fälle wie jenen einer 14-Jährigen zu vermeiden, deren Eltern Dörr erst kürzlich offenbaren musste, dass ihre Tochter laut Chromosomenanalyse ein Sohn ist.
„Werden Mädchen bei der Geburt für Jungen gehalten und der Irrtum erst bei den Symptomen eines Salzverlustes oder noch später entdeckt, sind die Betroffenen extremen psychosozialen Belastungen ausgesetzt“, weiß Dörr. Ein Fortschritt sei, dass in Deutschland mittlerweile jedes Neugeborene auf AGS untersucht werde. Dennoch dürfe die Aufmerksamkeit der Ärzte für einen möglichen Krankheitsverdacht nicht nachlassen. Wer Überträger einer der am häufigsten monogenetisch vererbten Krankheiten ist, müsse sich überlegen, ob er im Falle einer Schwangerschaft das Risiko einer Behandlung vor der Geburt eingehen möchte.
Fettleibigkeit und Krankmacher aus der Umwelt
Auch den Ursachen für die Volkskrankheiten Übergewicht und Fettleibigkeit gehen die Fachleute in Leipzig auf den Grund: Die Arbeitsgruppe um Professor Michael Stumvoll von der Uni-Klinik Leipzig untersuchten dafür etwa die sorbische Bevölkerung in der Oberlausitz auf Gene, die mit Fettleibigkeit, Diabetes, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen zusammenhängen. Die heute rund 15.000 lebenden Sorben sind die einzige eigenständige Population in Mitteleuropa: Sie haben ihr Erbgut fast ausschließlich von wenigen Urahnen. Gene, die mit Erkrankungen in Verbindung stehen, lassen sich dadurch einfacher finden. Krankmachende Stoffe aus der Umwelt sind ein weiteres Thema des Symposions.
Pubertät, Diabetes, Übergewicht: Öffentliche Vorträge in Leipzig
Eine öffentliche Vortragsreihe rund um das Thema Hormone findet am Freitag statt. Besonders Kinder und Jugendliche sind gemeinsam mit ihren Eltern zum Vortrag „Frühlingsgefühle – Was passiert in der Pubertät?“ eingeladen. Wieland Kiess, Direktor der Uni-Kinderklinik Leipzig, erklärt darin, welche hormonellen Veränderungen in der Pubertät stattfinden. Im Anschluss informiert Oberärztin Antje Körner über Fragen rund um das Wachstum von Kindern und Heranwachsenden. Beginn ist um 17 Uhr im Großen Hörsaal für Anatomie in der Liebigstraße 13. Parallel erläutern Experten aus Leipzig und Essen die hormonell bedingten Ursachen von Schilddrüsenerkrankungen (17 Uhr), Osteoporose (17.40 Uhr), Diabetes und Übergewicht (18.20 Uhr). Nachdem sie aktuelle Diagnose- und Therapieverfahren vorgestellt haben, beantworten sie die Fragen der Zuhörer. Diese Vorträge finden ab 17 Uhr im Hörsaal des Operativen Zentrums in der Liebigstraße 20 statt.
© LVZ-Online, 03.03.2010, 17:05 Uhr