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Rund 700 Menschen besuchen am Sonntag ersten Gottesdienst im Paulinum
Thomas Mayer
Foto: André Kempner
Für die musikalische Begleitung des ersten Gottesdienstes im Paulinum sorgten der Universitätschor und das Pauliner Barockensemble.
Sonntag am Augustusplatz: Auf der Baustelle des Paulinum
wird ein Universitätsgottesdienst gefeiert. 700 Besucher werden
eingelassen, hunderte verfolgen draußen über Lautsprecher das
historisch zu nennende Ereignis. Peter Zimmerling, der zweite Universitätsprediger, bringt es in
seiner Predigt auf den Punkt: "Hätte jemand nach der Sprengung der
Universitätskirche St. Pauli gesagt, auf diesem historischen Grund wird
irgendwann wieder ein Gottesdienst stattfinden, dann wäre er für
geisteskrank erklärt worden." Irgendwann ist dieser 6. Dezember und der
zweite Advent 2009. Gottlob musste also nur die Zeitdauer einer
reichlichen Generation vergehen, bis so ein Traum Wirklichkeit wird.
An die Tage im Mai 1968 kann sich Martin Petzoldt, der gerade
emeritierte Theologie-Professor und Erste Universitätsprediger, noch
sehr genau erinnern. Als 22-jähriger Student der Theologie hielt er am
21. Mai 1968 die letzte so genannte Seminarpredigt. Petzoldt: "Zwar war
die Sprengung da noch nicht verkündet, doch das Ende dieser Kirche
schwebte quasi über uns. Die Neugestaltung des Karl-Marx-Platzes war ja
schon publik gemacht geworden, und in den Abbildungen fehlte diese
Jahrhunderte alte Kirche." Am 28. Mai, also zwei Tage vor der
Vernichtung des Gotteshauses, trug dann Petzoldts Theologie-Lehrvater
Professor Dedo Müller das Kruzifix aus der Kirche. 41 Jahre später
trägt es zu Beginn des Gottesdienstes Petzoldt zum provisorischen
Altar. "Mehr Symbolik kann nicht sein", freut sich der
Universitätstheologe.
Es ist ein Morgen voller Emotionen, der im künftigen Aula-Kirche-Raum -
die Universität sagt dazu Paulinum, für die Theologen und den
Paulinerverein ist es der Neubau der Universitätskirche St. Pauli - gut
anderthalb Stunden Ereignis wird. Die große Resonanz spricht dabei für
sich. "Leipzig ist Leipzig", meint Manfred Rudersdorf, der an der
Universität die Verantwortung für die sechsbändige Geschichte der Alma
mater trägt. Glücklich, die Ausrichtung des Gottesdienstes realisiert
zu haben, ist vor allem der Paulinerverein. Um älteren Menschen
Sitzmöglichkeiten zu bieten, wurden sogar tags zuvor aus anderen
Leipziger Kirchen Bänke herangeschafft.
Zufrieden ist Martin Oldiges, Vorstand der Stiftung Universitätskirche
St. Pauli. Man verfolge das Ziel, dass dieses Haus christlich,
künstlerisch und akademisch genutzt werden kann. Der Gottesdienst sende
ein eindeutiges Signal. Auch bei weiteren Fragen stehen laut Oldiges
die Zeichen eher auf Versöhnung denn Konfrontation. Der emeritierte
Jurist stellt sich symbolisch vor jene Säule, an die dereinst die
Kanzel kommen wird. Das Geld für die Restaurierung sei da. Ganz vorn im
Gottesdienst sitzt Thomaskirchen-Pfarrer Christian Wolff. Er hat wohl
schon vor Augen, wie der Neubau mit dem Altar der Paulinerkirche, der
heute noch als Leihgabe St. Thomas ziert, aussehen wird. Oldiges: "Dass
dieser Altar an seinen ursprünglichen Ort zurück kommen wird, ist auch
eine schöne Genugtuung dieses besonderen Tages."
Neu im Amt wendet sich der Erste Universitätsprediger Rüdiger Lux an
die Gemeinde. Vor 2500 Jahren habe man in Jerusalem den Grundstein für
den von den Babyloniern vernichteten Tempel gelegt. Damals habe man
noch vor dem Nichts gestanden. "Wir aber sind weiter und können stolz
auf den Bau sein. Wenn Sie nach oben sehen, erkennen Sie erste Details
davon, wie dieses Haus einmal aussehen wird."
Mit Rührung verlassen nach anderthalb Stunden die 700 Gäste den
Gottesdienst. Alle haben vor allem einen Wunsch: Dass zügig und ohne
Streit weiter gebaut wird.
© LVZ-Online, 06.12.2009, 15:10 Uhr