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Wirtschaftsprüfer und Polizeieinsatz: Streit in Leipziger Vereinen
Angelika Raulien und Martin Pelzl
Mehrere Tausend Vereine bieten in Leipzig mehr als nur Freizeitbeschäftigung, sie sind ein wichtiger Bestandteil der bürgerlichen Gesellschaft. Doch in jüngster Zeit mehren sich Meldungen über vereinsinternen Knatsch. Beim Buchkinderverein eskaliert der Streit um Umstrukturierungen bis hin zu Rangeleien bei einer Versammlung, bei der sogar die Polizei geholt wurde. Nach jahrelangem Streit wird den derzeitigen Machern der Leipziger Tafel zwar von offizieller Seite bestätigt, dass korrekt gewirtschaftet wurde, doch die Gegenpartei zweifelt und bemüht weiter die Gerichte. Vor gut drei Wochen war dem Leiter des Ronald-McDonald-Hauses überraschend gekündigt worden.
Wirtschaftsprüfer bei der Tafel
Im Zeichen von "Aufklärung und Neuwahlen" stand jetzt die
Mitgliederversammlung des Leipziger Tafelvereins. Und das tat Not: Schon
seit Jahren brodelt es im Verein. Ausgelöst durch zwei Mitglieder, die
gegen die Beschlüsse der Dezember-Mitgliederversammlung 2007 geklagt
hatten, weil Vorstandswahl und Kassenprüfung 2005/2006 nicht
ordnungsgemäß verlaufen seien. Ein Streit, der eskalierte, etliche
gerichtliche Nebenschauplätze eröffnete (etwa, wenn es hieß, Spenden
würden veruntreut). Weil all dies laut Vereinschef Werner Wehmer nun
"vom Tisch ist", aber diverse Medien vom "großen Skandal" berichtet
hatten, lud er am Mittwoch die Presse ein. Hans Mengeringhaus,
Vize-Bundesvorsitzender der Deutschen Tafeln, war zugegen. Er
verkündete: "Unabhängige Wirtschaftsprüfer haben sich die Buchführungen
der letzten Jahre des Leipziger Tafelvereins vorgenommen und absolut
nichts beanstandet. Und deren Gutachten haben wir nochmals unseren
Prüfern im Bundesverband vorgelegt - mit gleichem Ergebnis. Zudem
vertiefte sich das Finanzamt in die Unterlagen und attestierte dem
Verein danach die Gemeinnützigkeit für weitere fünf Jahre. Eine
Voraussetzung, um bei uns Mitglied zu sein!" Ein "mangels
Anfangsverdacht" soeben beendetes Vorermittlungsverfahren, das in Folge
der Vorwürfe gegen Wehmer vom Staatsanwalt aufgenommen worden war, wurde
gestern auch präsentiert. Unterm Strich habe der Streit dem Tafelverein
Imageschäden und Einbrüche bei Spenden beschert, auf die Tausende
Bedürftige eigentlich angewiesen sind, hieß es.
Und dennoch: Vereins-Kontrahentin Ursula Neeb-Horn will samt ihrer
Mitstreiter nicht klein beigeben. Sie verweist auf "offene
Baustellen": "So ist unsere Strafanzeige wegen Verdacht auf einen
Prozessbetrug noch nicht beschieden", meinte sie gestern. "Wenn ich
nicht so davon überzeugt wäre, dass bei Leipzigs Tafel unhaltbare Sachen
laufen, würde ich nicht weitermachen."
Polizeieinsatz bei Buchkindern
Polizei bei der Mitgliederversammlung, Hausverbot für den Ideengeber und Gründer, Streit um "echte und gefühlte Mitgliedschaften" - der bundesweit hochgelobte, weil in dieser Form einzigartige Verein Buchkinder Leipzig blickt auf turbulente Wochen und Monate zurück. Das Band zwischen den offenbar existierenden zwei Lagern scheint zerschnitten, ein tiefer Graben behindert aktuell die weitere Umsetzung der hehren Ziele.
"Der Interimsvorstand, geführt durch Christina Weiß, will viel Gutes. Er benutzt auf diesem Weg aber undemokratische, unmoralische und inhumane Methoden", echauffiert sich Thomas Leo Kottke, Stiefvater eines der rund 200 durch den Verein betreuten Kinder. Trauriger Höhepunkt sei der Polizeieinsatz bei der Mitgliederversammlung Ende vergangener Woche gewesen, die nach Rangeleien im Einlassbereich und der Hinzuziehung von Beamten nach weit verspätetem Beginn erfolglos beendet worden sei.
Der Streit entzündete sich offensichtlich bereits im Vorjahr an der Trennung des (Interims-) Vorstandes von Ralf-Uwe Lange, dem Gründungsvater. Er soll gemobbt und mit falschen Anschuldigungen aus dem Verein gedrängt worden sein, die neue Führung kann und will sich "aus Arbeitsrechtsgründen" dazu nicht äußern. Streit gibt es zudem um die Frage, ob die Unterschriftensammlung der Aufbegehrenden, die eine außerordentliche Mitgliederversammlung forderte, mit Blick "auf unleserliche Namen und nicht bestätigte Mitglieder" rechtens war oder nicht. Zudem werfen sich beide Lager vor, neue Mitglieder "als Machtmittel" bei Abstimmungen einsetzen zu wollen. "Wir haben es nicht geschafft, von der emotionalen Ebene wegzukommen", sagt die Geschäftsführerin Birgit Schulze Wehninck. Es sei sehr schade, dass all dies auf dem Rücken der Kinder passiere. Am kommenden Sonnabend findet von 10 bis 12 Uhr im Buchkinderladen eine Infoveranstaltung statt.
© LVZ-Online, 10.03.2010, 23:18 Uhr