Citynews
Wissenschaftler warnen vor Cross-Border-Leasing
Jens Rometsch
Erst die Korruptionsanklagen gegen zwei Leipziger Kommunalmanager im
Oktober, nun die Beurlaubungen der Geschäftsführer der Wasserwerke. Die
Cross Border Leasing-Geschäfte, auf die sich Leipzigs Stadtfirmen
besonders oft einließen, führen jetzt zu ersten Erschütterungen. Aus
Sicht der Wissenschaftler vom Leibniz Institut für Länderkunde (IfL)
könnte sich das "spekulative Geschäftsmodell" noch als "Büchse der
Pandora" erweisen.
Nach Düsseldorf ist Leipzig die Stadt in Deutschland mit den größten
Beteiligungen am Cross Border Leasing. Das haben die
IfL-Wissenschaftler Judith Miggelbrink und Dirk Hänsgen herausgefunden.
Wie berichtet, waren es hier Messehallen, das Klinikum St. Georg,
Straßenbahn- und Wasserversorgungsanlagen im Wert von vier Milliarden
Euro, die in grenzüberschreitende (Cross Border) Leasinggeschäfte mit
Investoren aus den USA eingebracht wurden.
Die Verträge mit einer Laufzeit von bis zu 100 Jahren seien von Anfang
an "hoch riskant" gewesen, schreiben Miggelbrink und Hänsgen in einem
Beitrag für den vom Leipziger IfL herausgegebenen Nationalatlas. "Schon
die Unübersichtlichkeit der von den Anwaltskanzleien und Arrangeuren
angebahnten Verträge mit einem Umfang von mehreren hundert Seiten, die
- entgegen den Bestimmungen der Gemeindeordnungen - in englischer
Sprache mit lediglich deutscher Zusammenfassung vorlagen, machten das
Cross Border Leasing zu einer Black Box. Vertragsort und Gerichtsstand
bei allen Verträgen ist New York, da dort Verträge auch dann gültig
bleiben, wenn sie gegen US-Bundesrecht verstoßen."
Bei diesem "spekulativen Geschäftsmodell" gehe es den Investoren weder
um die Steuervorteile in den USA noch um das Leasinggeschäft als
solches, sondern "in erster Linie um die durch die deutschen Kommunen
abgesicherten Forderungen als handelbares Finanzprodukt". Um dies zu
verstehen, muss das komplizierte Vertragswerk an dieser Stelle grob
skizziert werden. Es ist nämlich nicht so, dass als Beteiligte nur die
deutsche Seite mit ihren Anlagen (zum Beispiel die Leipziger
Wasserwerke mit ihrem Trinkwassernetz im Wert von 647 Millionen Euro)
und ein amerikanischer Investor (in diesem Fall der amerikanische
Telekommunikationskonzern Verizon) agieren. Vielmehr schaltet der
US-Investor extra einen Trust (hier Wilmington Trust Company mit Sitz
in Delaware) dazwischen, um 85 Prozent der "Kaufsumme" als Kredit
aufnehmen zu können. Und zwar von zwei Darlehensbanken A und B. Zur
Absicherung gegen Gesetzesänderungen in den USA oder Deutschland wird
auch noch eine Zwischengesellschaft im Steuerparadies Cayman-Inseln
gegründet. Über sie zahlt der Trust dann 647 Millionen Euro an die
Leipziger Wasserwerke aus, welche ihre eigenen Anlagen sofort
zurückmieten und dafür noch am selben Tag 80 Prozent des Betrages an
zwei Schuldübernahmebanken A und C weiterleiten (die Darlehensbank A
und Schuldübernahmebank A sind identisch). 15 Prozent der "Kaufsumme"
gehen an eine Depotbank, die diesen Betrag bis zum Nutzen einer
Rückkaufoption für das Trinkwassernetz nach 29 Jahren verwaltet. Wenn
die Option genutzt wird, endet das auf 100 Jahre angelegte Geschäft
vorfristig. Den verbleibenden Barwertvorteil von zumeist fünf Prozent
(hier aber nur vier)konnten die Wasserwerke behalten.
Nach Ansicht der IfL-Wissenschaftler birgt diese Konstruktion ein
"nicht kalkulierbares Risikopotenzial", wobei zurzeit zwei Probleme im
Vordergrund stehen. Erstens sind die Leipziger Wasserwerke (nicht
jedoch die hiesige Messe) verpflichtet, die Darlehens- oder
treuhänderischen Banken auszutauschen, wenn deren Bonität deutlich
sinkt. Ist eine dort getätigte Sicherungsleistung über 100 Millionen
Euro wegen der schlechten Bonität der Bank nur noch 70 Millionen wert,
so muss die deutsche Seite sich die 70 Millionen auszahlen lassen und
bei einer anderen Bank neue Sicherheiten über 100 Millionen Euro
schaffen. Gleiches gilt für die Pflicht der deutschen Seite, ihre
Infrastrukturobjekte gegen Zerstörungen oder andere Formen der
Wertminderung zu versichern. Auch hier muss ein im Rating stark
gefallener Versicherer teuer ausgetauscht werden.
Unklar ist im Moment noch, ob an dieser Stelle das
versicherungsähnliche Bankgeschäft ansetzte, das die soeben beurlaubten
Wasserwerke-Chefs im Jahr 2006 mit einer Londoner Bank abschlossen. Es
hatte nur indirekt mit dem Cross Border Leasing zum Trinkwassernetz im
Jahr 2003 zu tun, war jedoch ebenfalls hoch risikoreich mit einem
Volumen im dreistelligen Millionen-Bereich. Und das ohne Genehmigung
vom Gesellschafter Stadt Leipzig oder vom Aufsichtsrat.
Einige andere Städte - wie Bochum, Recklinghausen, Gelsenkirchen und
Nürnberg - haben die Risiken des Cross Border Geschäfts bereits noch
deutlicher zu spüren bekommen und ihre Verträge in den vergangenen
Monaten aufgelöst. Untern Strich stand dabei meistens plus minus Null.
© LVZ-Online, 31.12.2009, 10:11 Uhr