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Zum 85. Geburtstag: Gewandhausorchester Leipzig gibt Konzert für Papst Benedikt XVI
Peter Korfmacher
Rom/Leipzig. Das Gewandhausorchester und die Chöre von Gewandhaus und MDR gastieren derzeit in Rom. Aus Anlass des 85. Geburtstags von Papst Benedikt XVI dirigierte Ricacardo Chailly am Freitagabend in der gewaltigen Audienzhalle im Vatikan vor rund 7000 Gästen Mendelssohns-Lobgesang. Politik und Wirtschaft nutzen die Gelegenheit zur Selbstpräsentation.
„Schon dafür“, sagt Gewandhausdirektor Andreas Schulz, „hat es sich gelohnt, eine halbe Million einzusammeln“. 420.000 für die Kunst, Reisekosten sind das, schließlich wollen gut 230 Mitwirkende in Chor und Orchester auf den Stiefel geflogen sein. Der Rest für Nebenkosten: Technik, Protokoll. Alles aufgebracht von Sponsoren, unterm Strich hinterlässt das Rom-Gastspiel in der Gewandhaus-Bilanz die Zahl 1200 – mit einem Plus davor.
Schulz steht im hinteren Mittelgang der gigantischen Audienzhalle Papst Paul VI., den Mantel auf Feldherrenart um die Schultern drapiert, und beobachtet wohlgefällig, wie schon die Generalprobe zum protokollarischen Großereignis wird: Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich hat sie kurzerhand zum „Meet and greet“ umfunktioniert, schaut also vorbei, talkt mit dem Bruder des Papstes, der später tief in die Musik versunken die Probe verfolgt, plaudert mit Schulz, mit Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly, mit dem Orchestervorstand, schüttelt bereitwillig jede Hand, die sich ihm entgegenreckt und versichert schließlich dem Orchester bei seiner kurzen Begrüßungsanspache, es sei – schließlich übertrügen Radio und Fernsehen des Vatikan das Konzert in die ganze Welt – eine wunderbare Möglichkeit Werbung zu machen „für unser Kulturland Sachsen. Und ich werde bei meiner Privataudienz morgen Vormittag den Heiligen Vater persönlich einladen zu diesem wunderbaren Konzert.“
Eine bizarre Ankündigung. Denn einer Einladung durch den Landesvater wird der Heilige Vater kaum mehr bedürfen. Schließlich ist der Anlass des Lobgesang-Gastspiels in der riesigen Sala Paolo sesto links neben dem Petersdom der 85. Geburtstag Benedikts, laufen die Vorbereitungen seit gut zwei Jahren, ist Tillich mit seinem Tross selbst Eingeladener, keineswegs Veranstalter.
Der ist Schulz, der milde lächelt angesichts der Vereinnahmung durch den Ministerpräsidenten. „Natürlich freue ich mich“, sagt er diplomatisch, „dass er mitgekommen ist. Darum haben wir ihn ja eingeladen.“ In zwei Tagen allerdings, da sind sich die Leipziger Beteiligten ziemlich sicher, wird er uns wieder vergessen haben. Denn im Normalfall ist der Landesvater als Begleiter seiner Staatskapelle aus Dresden unterwegs, diese protokollarische Begegnung mit dem Gewandhausorchester ist die erste überhaupt.
Nicht nur darum schimpfen die Leipziger Rathaus-Mitarbeiter, die vor Ort für einen geordneten Ablauf des Mammut-Projekts zu sorgen haben, wie die Rohrspatzen. Dazwischen gedrängt habe er sich, der Ministerpräsident, während Leipzigs Bürgermeister Burkhard Jung die ganze Sache aus konfessionellen Gründen eher tief gehängt habe. In der Tat: Während Tillich schon Hof hält, ist das Stadtoberhaupt noch gar nicht da. Wenige Stunden vor dem Konzert erst soll er in Rom landen, und ob er es rechtzeitig in die Audienz-Halle des Papstes schafft, scheint lange ungewiss. Denn in Rom, die Italiener wissen schließlich, was sie ihrem Ruf schuldig sind, streiken die öffentlichen Verkehrsmittel. Und so sortiert die Protokoll-Abteilung des Vatikans den Oberbürgermeister auch eher unter ferner liefen ein. Wichtiger sind, näher am Papst also sitzen: Chaillys Gemahlin, Tillich samt Gemahlin und Schulz samt Gemahlin. Sie alle residieren während des Konzerts am Abend im Block der weltlichen VIPs, links vom Thronsessel des Kirchenoberhaults, auf erschütternd hart gepolsterten Holz-Stühlen. Rechts sitzt die geladene Geistlichkeit auf güldenen Lehnstühlen mit deutlich komfortablerer Polsterung. Ganz links sind die Plätze der normalen Gäste des Gewandhausorchesters.
Ein ziemlich großer Block ist das. Und noch lange wird hier vom Organisationskomittee diskutiert wer wo zu sitzen habe. Keine leichte Aufgabe. Schließlich gibt es keine nummerierten Sitze, sondern nur einen groben Farb-Code. Schließlich zählt die Gästeliste runde 1000 Positionen. 300 Namen hat allein Hauptsponsor DHL darauf setzen lassen. Die meisten davon Logistik-Geschäftspartner aus Italien. Aber auch aus Leipzig reisen zahlreiche Gäste mit oder an, und so bekommt Gabriele Goldfuß, Referentin für Internationale Zusammenarbeit der Stadt Leipzig, lange ihr Mobiltelefon nicht vom Ohr. „Soll ich Ihnen Ihre Tickets ins Hotel legen? ... Möchten Sie sie abholen? ... Ja, natürlich geht auch das! ... Aber gewiss doch! ...“, umschmeichelt sie die, die sie in den Pausen mütterlich liebevoll „meine Wipps“ nennt.
Derlei Nebensächlichkeiten interessieren derweil den Gewandhauskapellmeister kaum. Chailly nutzt die Gelegenheit für eine weitere Schlacht in seinem weltweiten Feldzug für Felix Mendelssohn-Bartholdy. In zahlreichen Interview unterstreicht er den Rang des Komponisten, den des „Lobgesangs“ als „wunderbare Masterwork“, betont die Rolle, die dieses Meisterwerk in seiner Dirigenten-Karriere immer wieder gespielt habe, dass es die Grenzen zwischen den Konfessionen kraft seiner Genialität mit Leichtigkeit überwinde und so weiter und so fort.
Die entscheidende Attacke aber, sie wird nicht vor Blöcken, Kameras und Mikrophonen geritten, sondern am Pult. Und so gerät die Generalprobe ziemlich ausführlich. Was angesichts der nicht unproblematischen Akustik in der riesigen Halle auch geboten schient. Vorne mulmt es ohnehin, nach hinten aber rastet das Klangbild zunehmend ein. Und so sucht Chailly immer wieder Kontakt zu MDR-Chordirektor Howard Arman, der als akustische Saalwache im Mittelgang patroulliert. Meist reckt der enthusiasmiert beide Daumen zum Höchsten empor, wenn Chailly mit fragendem Blick ein „Howard ....?“ nach hinten ruft. Der Meister selbst kommt offenkundig zu keinem anderen Ergebnis, als er dem Gewandhausorganisten Michael Schönheit (der das fabelhaft macht) kurzerhand sein Orchester übergibt, um sich selbst von Prägnanz, Balance, Transparenz im Auditorium zu überzeugen: „bene, bene, bene“, murmelt er dabei wohlgefällig vor sich hin. Besonders laut an der Stelle, wo tags darauf der Papst sitzen soll. Schließlich steht der im Zentrum des gigantischen Klassenausflugs in die Heilige Stadt. Daran erinnert der beseelte Gesichtsausdruck von Propst Lothar Vierhock, der andächtig lauscht, dessen Augen glänzen, der in einem schlichten Pilgerheim wohnt, der das Protokoll Protokoll sein lässt und sich freut über jeden Katholiken an Bord. Viele sind es nicht...