Schneechaos in Leipzig
Warum die Bahnen nicht fahren, sondern Funken sprühen
Juliane Streich
Foto: Dirk Knofe
Für den Totalausfall der Straßenbahn am Mittwochabend waren gefrorenen Oberleitungen verantwortlich. Deutlich sichtbar sind die Lichtbögen.
Leipzig. Für den Totalausfall der Straßenbahn am Mittwochabend waren gefrorenen Oberleitungen verantwortlich. „Das passiert nur bei Blitzeis“, erklärt Reinhard Bohse von der LVB. „Es hat an dem Tag sehr viel geregnet, dieses Wasser ist sofort gefroren und hat dicke Eisschichten an den Leitungen verursacht. Dort kam der Strom gar nicht oder nur stoßweise durch“, so Bohse.
Dadurch, dass die 600-Volt-Leitungen nicht regelmäßig vereist sind, blitzen und funken sie, wenn die Bahnen an ihnen lang fahren. „Das ist höchstgefährlich“, erklärt der LVB-Sprecher. Dann könne man nur resignieren und aus Sicherheitsgründen die Bahnen stoppen. Denn nicht nur die Blitze und Funken sind das Problem, sondern auch die Gefahr, dass die Leitungen durchbrennen. Aber kann man nichts dagegen tun? „Bei soviel Regen, wie am Mittwoch gefallen ist, nein“, sagt Bohse. Nun kämen mit Sicherheit Leute, die alle einen anderen Vorschlag haben. „Aber am Mittwoch war es einfach zu krass.“
Da hätte es auch nichts gebracht, die Leitungen mit Glycerin zu beschmieren, das Einfrieren verhindern soll. „Es gibt nichts Gängiges, was an dem Tag geholfen hätte“, versichert Bohse. Selbst die neueren Straßenbahn-Wagen waren überfordert.
In der Nacht und am nächsten Tag wurden die Leitungen mit Spezialautos wieder enteist. „Diese isolierten Fahrzeuge nennen sich Turmwagen, weil sie so gebaut sind, dass die Techniker an die Leitungen herankommen“, erklärt Bohse.
In Dresden fuhren die Bahnen dagegen am Mittwoch und Donnerstag weiter, wenn auch mit Verspätungen. Aber die Wetterbedingungen waren auch nicht ganz so schlimm wie in Leipzig. „Physikalisch ist das aber auch hier möglich“, erklärt der Sprecher der Dresdener Verkehrsbetriebe, Falk Lösch. „Das Blitzeis muss sich aber eigentlich zwischen Mitternacht und vier Uhr morgens bilden, wenn die Strecken nicht befahren sind.“ In Leipzig war der frierende Regen aber auch trotz des täglichen Verkehrs zu stark. In den vergangenen Nächten hatte auch die LVB leere Bahnen fahren lassen, damit die Leitungen nicht in der Betriebspause einfrieren.
Eine ähnliche Situation wie in Leipzig hatte es in Dresden bereits vor sechs Jahren gegeben. „Wir haben daraus Konsequenzen gezogen und schmieren im Vorfeld immer Glycerin auf die Leitungen“, so Lösch. Er würde aber nicht sagen, dass der Ausfall in der Messestadt dadurch verhindert worden wäre. „Glycerin kann Eis nicht komplett verhindern, sondern nur reduzieren. Das ist wie Blitzeis auf der Straße: An einem bestimmten Punkt können Sie streuen, wie Sie wollen, es ist trotzdem glatt“, so der Sprecher der DVB.
© LVZ-Online, 09.12.2010, 15:36 Uhr