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Mitteldeutschland

„Gesellschaft muss mit klarem Konzept reagieren“

Berlin. An der Berliner Charité gibt es ein weltweit einzigartiges Hilfsangebot für Pädophile. Der Leiter des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin, Klaus M. Beier, erläutert es.

Frage: Wenn man die Nachrichten liest, könnte man glauben, die Deutschen seien ein Volk von Pädophilen und Kinderschändern?


Klaus M. Beier: Zunächst möchte ich davon abraten, Pädophile und "Kinderschänder" in einen Topf werfen: Pädophilie ist die medizinische Diagnose für eine Störung der sexuellen Präferenz, bei der eine sexuelle Ansprechbarkeit auf das kindliche Körperschema besteht. Diese manifestiert sich im Jugendalter und ändert sich dann bis zum Lebensende nicht mehr. Diese Programmierung muss aber keineswegs dazu führen, dass die Betreffenden Übergriffe begehen - aus der Präferenzstörung muss keine Verhaltensstörung werden, nämlich dann wenn die Betreffenden ihre Impulse auf der Phantasie-Ebene belassen können. Umgekehrt gibt es Männer, die Kinder sexuell missbrauchen, aber nicht pädophil sind. Man kann davon ausgehen, dass mehr als die Hälfte der realen Täter, die Übergriffe begehen, keine pädophile Neigung aufweisen. Von ihrer sexuellen Präferenzstruktur sind sie auf das erwachsene Körperschema orientiert.

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Warum vergreifen sie sich dann an Kindern?

Weil ihnen - aus verschiedenen Gründen - die Realisierung ihrer sexuellen Wünsche mit Erwachsenen nicht gelingt. Man spricht deshalb auch von "Ersatzhandlungen".

Braucht man für Kirchen oder Schulen einen speziellen Kodex?

Wichtig ist, dass die Gesellschaft mit einem klaren Konzept reagiert. Das müsste in zwei Richtungen gehen. Zum einen präventiv. Indem man akzeptiert, dass menschliche Sexualität eben in einem breiten Spektrum ausgeprägt ist und es sexuelle Präferenzbesonderheiten gibt, die mit einer Fremdgefährdung einhergehen, wenn man sie ausleben würde. Derjenige, der eine solche Neigung hat, ist dafür nicht zu verurteilen, aber ihm sind alle Hilfen zu gewähren, um sicherzustellen, dass aus den Phantasien keine Taten werden. Hilfen wie bei anderen chronischen Erkrankungen auch, etwa beim Alkoholismus. Dort haben wir ein Versorgungsnetz, wo klar ist: Wir stoßen niemanden aus. Wir helfen ihm, um Folgeschäden zu vermeiden. Bei der Pädophilie sind Folgeschäden noch viel schlimmer, nämlich Fremdschäden. Deshalb müsste die Bereitschaft, ein solches Netz zu schaffen, noch viel größer sein. Die zweite Richtung betrifft Ermittlungstätigkeit und Bestrafung bei sexuellen Übergriffen, die mit aller Härte des Gesetzes geahndet werden müssen. Das muss unmissverständlich klar sein und auch den Konsum von Kinderpornographie umfassen, die überwiegend Pädophilen genutzt wird. Damit erhöht man die Bereitschaft der Betroffenen, sich sehr früh um Hilfen zu bemühen.

Wie kann man helfen?

Die Behandlung definiert die Gefahrensituation im Einzelfall ganz genau. Kooperationsbereite Menschen erzählen ja, wie ihre Phantasien aussehen. Beispielsweise, wenn sie in der U-Bahn einem Kind gegenübersitzen. Daraus werden dann Verhaltensregeln abgeleitet, die in der Regel darauf hinauslaufen, dass man nicht sozial unkontrollierte Situationen herstellen darf. Darüber hinaus nutzen wir gegebenenfalls auch zusätzlich Medikamente um die pädophilen Impulse zu dämpfen.

Sollten sich Pädophile outen?

Aus medizinischer Sicht ist es ganz einfach: Wir bewerten Krankheiten ja grundsätzlich nicht moralisch. Wir nehmen aber sehr wohl Stellung, wenn andere Opfer werden. Das ist eine Grundhaltung, die die Betroffenen sehr gut akzeptieren können, auch weil sie die nicht ganz unberechtigte Angst haben, dass sie schon wegen der Neigung verstoßen werden. Wenn Sie Ihren Nachbarn bitten "Pass mal auf meinen Jungen auf" und er sagt "Nein, das kann ich nicht, ich bin pädophil" dann hat er sich korrekt verhalten. Aber ist in der Hausgemeinschaft geliefert. Diese Stigmatisierung entsteht schon aufgrund des Umstandes, dass man weiß, dass er so eine Ausrichtung hat.

Muss die Gesellschaft umdenken?


Richtig. Und zwar nur gegenüber der Neigung. Nicht gegenüber dem Verhalten.
 
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