Leipzig. Der Bundespräsident wird von der Bundesversammlung gewählt, nicht vom Bürger. Ginge es nach den Deutschen, hätte Joachim Gauck aber wohl bereits das Rennen gemacht. Dieser Eindruck entsteht zumindest, wenn man sich die Aktivitäten um seine Person im Internet anschaut. So entstehen immer mehr Gruppen und Websites, die mit zum Teil kreativen Mitteln klar Stellung beziehen für den DDR-Bürgerrechtler.
Überparteilichkeit spielt keine Rolle
„Wir für Gauck", „myGauck" oder „Go for Gauck" - so heißen die aktuellen Kampagnen der Netznutzer. Über Facebook und Twitter verbreiten sich seit Tagen quasi im Minutentakt immer neue Aktionen. Die Gruppe
„Joachim Gauck als Bundespräsident"
bei Facebook hat mittlerweile 30.000 Unterstützer. Christoph Giesa, der frühere Chef der jungen Liberalen in Rheinland-Pfalz, organisiert hier auch Montagsdemonstrationen.
„Vom Netz auf die Straße"
lautet die Parole. Wer den 70-Jährigen Gauck vollends unterstützen will, zieht sich auf den Demos
eines der erhältlichen
T-Shirts
an.
Ähnlich erfolgreich ist die Initiative
„Wir für Gauck"
. Über 8.000 Menschen haben hier schon virtuell unterzeichnet, knapp 4000 haben den Link über den „Gefällt mir"-Button auf ihr Profil bei Facebook geschickt, ebenso wird über Twitter für die Website geworben.
Nico Lumma
, der die Seite ins Netz stellte, sagt zu seiner Motivation: „Die Nominierung des CDU-Vizes Christian Wulff ist ein deutliches Zeichen von Frau Merkel, dass ihr Überparteilichkeit egal ist. Daher habe ich spontan
wir-fuer-gauck.de
gestartet, da Joachim Gauck ein unabhängiger Kandidat ist, dem ich auch kritische Töne zutraue. Mit der Resonanz bin ich sehr zufrieden", so der Social-Media-Director der Agentur Scholz & Friends.
Das Porträt ist bereits fertigSehr kreativ zeigt sich die Website
My Gauck
von
Thomas Pfeiffer
von der Agentur Webevangelisten. Aus 3.941 Avataren von Twitter-Nutzern, die eine Nachricht mit dem Hashtag
#mygauck
veröffentlichen, entsteht ein Mosaik, welches das Profil von Joachim Gauck darstellt. Inzwischen wird auch eine hochauflösende Version angeboten, um diese auf Plakate zu drucken - zur Verwendung bei Demonstrationen.
Ihr Gesicht oder ihren Avatar zeigen ebenfalls bereits hunderte
Twitter-Nutzer
, die dem Account
@mein_praesident
folgen. Auf der dazugehörigen
Website
gibt es aktuelle Informationen. Auch eine Facebook-Gruppe namens
„Joachim Gauck for President"
hat Initiator Mathias Richel eingerichtet.
Außerdem wird Gauck durch das Blog
Volkspräsident
und eine
Petition
unterstützt. Dazu kommen unzählige Blogeinträge und Veröffentlichungen in Foren sowie tausende Tweets und einige weitere Facebook-Gruppen und -Seiten täglich. Und für den Fall, dass Gauck wirklich am 30. Juni zum Bundespräsidenten gewählt wird, hat die Netzgemeinde schon ein
Porträt
für Schloss Bellevue fertig.
Freude über den ZuspruchAn Joachim Gauck selbst geht der Hype nicht ungehört vorbei. „Seine Söhne halten ihn auf dem Laufenden. Er findet das hoch spannend und freut sich über den Zuspruch aus der Netzwelt", so sein Sprecher Johann Legner. In einer
Videobotschaft
bedankt sich der beliebte Bürgerrechtler bei seinen Fans. „Das ist ja unglaublich, das ist ja fantastisch", sagt er.
Allerdings gibt es - wie so oft - auch eine
Gegenbewegung
. Die „Süddeutsche" etwa nennt ihn einen „
fundamentalen Antisozialisten"
.
Ob sich die Mitglieder der Bundesversammlung von den positiven oder negativen Meinungsbekundungen tatsächlich beeinflussen lassen, ist ungewiss. Die „Zeit" sieht in der Bewegung bereits eine
Veränderung der Demokratie
.
Leipziger und alle anderen Interessierten können sich am Donnerstag
selbst ein Bild machen
, ob Joachim Gauck ihre erste Wahl wäre. In der Kuppelhalle des LVZ-Gebäudes wird er sich ab 18 Uhr den Fragen von Chefredakteur Bernd Hilder stellen. Auch die Gäste können ihre Fragen an den Politiker richten. LVZ-Online wird live von dieser Veranstaltung
twittern
. Auch hier können vorab Fragen gestellt werden, die an Joachim Gauck weitergereicht werden. Alle Fragen und Anmerkungen sollten mit dem Hashtag #gauckLVZ versehen sein.