Mitteldeutschland
Opfer des Überfalls auf Halberstädter Schauspieler berichten von Polizei-Pannen und Brutalität
dpa
Magdeburg. Mehrere Opfer des Überfalls auf Halberstädter Schauspieler haben im Polizei-Untersuchungsausschuss des Landtags über die Brutalität der Angreifer und Fehler der Beamten berichtet. Ein Tänzer und ein Musiker, die zu dem Anfang Juni 2007 überfallenen Schauspieler-Ensemble in Halberstadt gehörten, verwiesen am Montag zugleich auf Erinnerungslücken. Mit der Befragung der beiden Opfer begann der Ausschuss, der möglichen Pannen der Polizei bei rechten Taten nachgehen soll, die Beschäftigung mit dem Fall Halberstadt.
Das Gremium will klären, ob Polizisten nach dem mutmaßlich von Rechtsextremen begangenen Angriff Fehler gemacht hatten. Eine polizeiinterne Untersuchung hatte schon einige Mängel öffentlich gemacht: Demnach waren die Polizisten zwar schnell am Tatort, aber mit der Lage wegen fehlender Führung eines Vorgesetzten überfordert. So wurde der Haupttäter, der sich am Tatort aufhielt, zunächst nicht gefasst, obwohl er vorbestraft war und wiedererkannt wurde.
Die Polizisten hätten auf Hinweise aus der Schauspieler-Gruppe, dass die Täter auf der anderen Straßenseite stehen, nicht reagiert, sagte der 30-jährige Musiker. Der 34-jährige Tänzer sagte, er könne sich daran erinnern, dass Mitglieder der Gruppe auf die Täter gezeigt hätten. Der Musiker warf den Polizisten auch vor, den Opfern nicht geholfen zu haben: „Wann man mir geholfen hat? Das kann ich Ihnen sagen: Gar nicht“, sagte er zum CDU-Landtagsabgeordneten Siegfried Borgwardt.
Die Befragten reagierten mit Unverständnis auf die Aussage eines Polizisten, wonach sich die Opfer am Tatort, den der Musiker mit einem „Schlachtfeld“ verglich, nicht zu erkennen gegeben hätten. Der Tänzer verwies auf die Schwere der Verletzungen - Platzwunden, ausgeschlagene Zähne und aufgeplatzte Oberlippen. „Ich glaube, in dieser Situation muss man nicht fragen, ob jemand geschädigt ist.“
Der Musiker bemängelte auch, dass die Polizei seiner Erinnerung nach sehr spät am Tatort gewesen sei. Dies sei aber bei den internen Untersuchungen widerlegt worden, zwei Wagen seien zwei Minuten nach dem Notruf dort gewesen, sagte der SPD-Abgeordnete Bernward Rothe. „Das war aber auch das einzig Positive an dem Einsatz.“
Der Haupttäter war wegen gefährlicher Körperverletzung zu zwei Jahren Haft verurteilt worden. Andere Täter wurden mangels Beweisen freigesprochen. Für eine politische Motivation der Tat gab es laut Amtsgericht Halberstadt keine Belege. Die Staatsanwaltschaft war davon ausgegangen, dass rechte Täter die nach einer Premierenfeier noch kostümierten Schauspieler angriffen, weil sie diese dem linken Spektrum zuordneten. Der seit Oktober 2007 tagende Untersuchungsausschuss hat sich bisher mit angeblichen Problemen bei der Polizei in Dessau-Roßlau beschäftigt. Dabei ging es vor allem um die Frage, ob drei ehemalige Staatsschützer bei Ermittlungen gegen die rechte Szene gebremst wurden.
© LVZ-Online, 22.02.2010, 13:11 Uhr