Mitteldeutschland
Polizei und Staatsanwaltschaft ignorieren Hilferuf
Frank Pfütze
Foto: Manfred Lüttich
Hohenroda. Es ist das tragische Ende einer tragischen Geschichte. Gestern wurde der Polizeibeamte Klaus R.* tot in seinem Wohnumfeld in Hohenroda gefunden. Er hat sich offensichtlich mit einem Messer das Leben genommen.
Hohenroda. Es ist das tragische Ende einer tragischen Geschichte. Gestern wurde der Polizeibeamte Klaus R.* tot in seinem Wohnumfeld in Hohenroda gefunden. Er hat sich offensichtlich mit einem Messer das Leben genommen. Die Polizei macht keine Angaben zum vermutlichen Selbstmord. Nachbarn hätten bereits 2007 vor R. gewarnt und beim Personaldezernenten der Polizei in Leipzig vorgesprochen.
Seit 1. Februar 2010 liegt ein „Hilferuf“ bei der Staatsanwaltschaft Leipzig, in dem vor dem Polizisten gewarnt und um medizinische Behandlung gebeten wird. 6.20 Uhr fuhren gestern Polizeiautos mit Blaulicht auf den Hof der Wohnanlage. Später wurde R. in einem Sarg aus seiner Garage getragen. „Er soll sich die Pulsader aufgeschnitten und seit Wochen in der Garage gelebt haben“, erzählt ein Augenzeuge, der wie weitere Gesprächspartner nicht genannt werden möchte. Die Nachricht vom Selbstmord ist gestern schnell rum im 380 Einwohner zählenden Ort vor den Toren Delitzschs. Der Mann sei gefährlich gewesen. Er habe sich ständig mit seinen Nachbarn angelegt.
„Er war seelisch krank und hat dringend medizinische Hilfe benötigt. Für mich haben hier die Polizei und die Staatsanwaltschaft versagt“, erzählt ein Nachbar. Recherchen der Kreiszeitung ergeben , dass Polizei und Staatsanwaltschaft tatsächlich gewarnt waren. Denn es gibt ein Schreiben an die Staatsanwaltschaft, in dem um Hilfe gebeten wird. In dem Schriftstück teilt ein Nachbar der Staatsanwaltschaft am 1. Februar unter anderem mit: „... abschließend möchte ich Ihnen nochmals sehr deutlich und unmissverständlich mitteilen, dass alle auf dem Hof lebenden Menschen und Familien in den vergangenen fünf Jahren mehrfach versucht haben, in Einzel- und Gruppengesprächen auf Herrn R. einzuwirken.
Die betroffenen Menschen haben nur den einen Wunsch, in Frieden und ohne Angst zu leben. Alle sind der Auffassung, dass Herr R. seelisch-medizinische Hilfe benötigt. Dieses Schreiben ist ein Hilferuf. Ziel ist die Veränderung des Verhaltens. Von Herrn R. hören wir nur ,Mir kann nichts passieren, ich bin Beamter’. So wie jetzt kann es jedoch nicht weitergehen ...“. Eine Antwort der Staatsanwaltschaft auf das Schreiben gab es bis gestern nicht. Vier Familien seien inzwischen ausgezogen. „Sie hatten Angst vor Herrn R.“, begründete der Beteiligte die Auszüge. R. hatte seine Wohnung in der Anlage (neun Wohnungen) vor sechs Jahren gekauft. Seitdem liegen gegen ihn weit über zehn Strafanzeigen vor.
„Er hat seinen Nachbarn Hundekot vor die Türen geschmissen oder im Winter Wasser ausgegossen, damit sie ausrutschen. Er hat aber auch Rosen und andere Begrünungen zerschnitten oder Wohnungszugänge zugebaut“, erzählte ein Wohnungsvermieter. ,Bereits im Jahr 2007 wurden drei Betroffene beim Personaldezernenten der Polizeidirektion Leipzig vorstellig. „Wir haben Hilfe gesucht. Auch für Herrn R., der seelisch krank war. Es hat sich nichts getan“, so ein Beteiligter. Die Kreiszeitung wandte sich gestern mit den Vorwürfen an die Polizeidirektion Leipzig und die Staatsanwaltschaft Leipzig. Beide Behörden erklärten sich bereit, die Frage zu beantworten, warum auf den Hilferuf der Nachbarn nicht reagiert worden ist. Die Beantwortung sei gestern bis Redaktionsschluss dieser Seite jedoch nicht mehr möglich gewesen.
*Name von der Redaktion geändert
© LVZ-Online, 11.03.2010, 17:50 Uhr