Mitteldeutschland
Verdacht auf Missbrauch in Eilenburger Heim
Frank Pfütze
Eilenburg. Im Eilenburger Ernst-Schneller-Heim (Kreis Nordsachsen) sollen Kinder und Jugendliche vor mehr als 30 Jahren sexuell belästigt worden sein. Das behauptet ein ehemaliger Heimbewohner, der sich jetzt bei dieser Zeitung meldete. Der Fall beschäftigt nun den Träger der Einrichtung, die Caritas, und das Landratsamt.
„Das tägliche Aufdecken von immer mehr sexuellen Missbräuchen an Kindern und Jugendlichen gibt mir den Mut, ihnen den Hinweis zu reichen, dass in den Jahren 1970 bis 1980 täglich sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche im Ernst-Schneller-Heim in Eilenburg erfolgten. Die Kinder mussten mehrmals täglich sexuelle Belästigungen über sich ergehen lassen. Sie mussten sich zum Beispiel alle nackt ausziehen und zum Duschraum laufen. Dabei wurden einzelne Kinder geschlagen, teilweise im Intimbereich berührt“, teilte der Mann mit. Sein Name ist der Redaktion bekannt.
Das Ernst-Schneller-Heim war zu DDR-Zeiten ein Heim für sogenannte erziehungsauffällige Kinder. Nach der Friedlichen Revolution gab es zunächst keinen Rechtsnachfolger, darum trat das Sozialministerium Sachsen als Träger ein. Es folgten Verhandlungen mit dem damaligen Landkreis Eilenburg zu einer eventuellen Übernahme. „Wir haben nach Möglichkeiten und Lösungen gesucht. Mit der Caritas haben wir schließlich einen Partner gefunden“, sagte Artur Beuchling, im Landratsamt für die Bildungsstätten verantwortlich. Die Caritas hat das Heim 1994 und die Schule Ende der neunziger Jahre übernommen. Heute betreut der Caritas-St.-Martin-Hilfeverbund das Kinderheim in der Rödgener Straße, eine Außenwohnguppe in Bad Düben sowie zwei Tagesgruppen in Eilenburg und Delitzsch. Und auch das Projekt integrative Familienhilfe in Eilenburg (Bernhardistraße) zählt zum Bereich Kinderheim. Zudem sind eine Familienberatungsstelle und der Bereich Ausbildung und Beschäftigung sowie eine staatlich anerkannte Förderschule im Angebot. Insgesamt betreut die Caritas 200 Kinder und Jugendliche.
Seitdem die Caritas das Objekt übernommen hat, habe es eine Anklage wegen sexuellen Missbrauchs gegeben. „Der angeklagte Pädagoge ist frei gesprochen worden“, erinnerte sich der Leiter der Einrichtung, Hans-Otto Schlotmann, und betonte: „Jeder Fall würde zur Anzeige gebracht werden“. Die aktuellen Vorwürfe könne er nicht ausschließen. „Ich halte das für möglich, weil Menschen mit diesen Neigungen gerade in solchen Einrichtungen Möglichkeiten vorfinden. Es ist tief bedauerlich, wenn so etwas passiert. Ich denke, dass Kinder und Jugendliche heute sehr eng mit Familie und Ämtern verbunden sind, dass sie sich schneller öffnen als früher und eher reagieren. Wir haben ein Bezugserzieherprinzip, das mehr Vertrauen schafft und die Kommunikation fördert. Es gibt zudem ein Beschwerdesystem, das diese Philosophie unterstützt“, so Schlotmann. Beuchling und Schlotmann erklärten sich bereit, für eventuelle Opfer zur Verfügung zu stehen und zur Aufklärung.
Hilfesuchende können sich an das Landratsamt Nordsachsen, Telefonnummer 03421 758770, Ansprechpartner Artur Beuchling, oder an die Caritas, Hans-Otto Schlotmann, 03423 68240, wenden.
© LVZ-Online, 09.03.2010, 20:06 Uhr