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„Die ganze Bandbreite“ – RSL-Fan berichtet von rechtsradikalen Gesängen von Anfang an
Stephan Lohse
Mügeln/Leipzig. Nach dem Abbruch des Bezirksklasse-Spiels
zwischen dem SV Mügeln-Ablaß und Roter Stern Leipzig am Sonnabend gibt es
weiterhin widersprüchliche Aussagen zu den Vorfällen. Das Spiel war nach 80
Minuten abgebrochen worden, nachdem ein Teil der etwa 600 Zuschauer
rechtsradikale Parolen skandiert und rassistische Lieder gesungen hatte.
Dabei widersprechen sich die Aussagen der Parteien. Während ein Fan von Roter
Stern gegenüber LVZ-Online von rechtsradikalen Sprüchen von Anfang an
berichtet, bekräftigte Mügelns Vereinspräsident und Bürgermeister Gotthard
Deuse am Montag noch einmal, dass er bis zum Verlassen des Sportplatzes nach
etwa 30 Minuten keine Sprechchöre vernommen hat. „Da habe ich nichts gehört“,
so der Vereinsvorstand. Stattdessen hätten die RSL-Fans das Mügelner Publikum
als Nazis beschimpft, sagte Deuse zu LVZ-Online.
Jan Greschner, Torwart und Vorstandsmitglied von Mügeln
bestätigt die Gesänge der Rechtsradikalen, stellt allerdings klar, dass
es keine Fans des Vereins waren. Aufgrund der Vorfälle beim Mügelner Stadtfest
2007 vermutet er, dass sich die Störenfriede gezielt die Partie ausgesucht haben.
Damals hatte es zum Stadtfest ausländerfeindliche Übergriffe auf eine Gruppe
von Indern gegeben.
Zudem berichtet Greschner von Beschimpfungen seitens der
RSL-Spieler. Er sowie einige weitere Mügelner Kicker seien von ihren
Gegenspielern in Hin- und Rückspiel über 90 Minuten beschimpft worden. „Die
stellen sich immer nur als Opfer dar“, so Greschner: „Es sind aber immer zwei
Seiten.“
Dass es ein Risikospiel werden würde, sei von Anfang an klar gewesen.
„Bei dem Namen Mügeln braucht es keine weiteren Hinweise“, sagte eine
Sprecherin des Gastvereins am Montag. Zwar gebe es bei fast jedem
Roter-Stern-Gastspiel im Leipziger Umland Sprüche und Kommentare, Mügeln sei
aber zahlenmäßig und von der Qualität her ein negativer Höhepunkt gewesen.
Von knapp 100 Rechtsradikalen, viele in einheitlichen schwarzen T-Shirts,
berichtet ein Besucher des Spiels. Parolen wie „Hier regiert der nationale
Widerstand“ oder „Zick Zack Zeckenpack“ habe es dabei von Anfang an gegeben.
Das berüchtigte „U-Bahn-Lied“, welches zum Abbruch in der 80. Minute geführt
hatte, sei zu dem Zeitpunkt aber erstmalig gesungen worden.
Bereits vor und während der Partie hatte es Unruhe gegeben. Nach Polizeiangaben
hatte vor Spielbeginn ein Leipziger im Einlassbereich einen am Boden liegenden
Anhänger des SV Mügeln mehrfach in Richtung Kopf getreten. Gegen ihn wird wegen
gefährlicher Körperverletzung ermittelt.
Auch die Polizei erntete Kritik. So sorgten die Beamten laut Augenzeugen für
Aufregung, als sie etwa 30 Roter-Stern-Anhänger irrtümlich zum Heim-Block
geleiteten, statt in den Gästeblock. Auch die Auseinandersetzungen in der
ersten Halbzeit führten zu Beschwerden. Ein RSL-Anhänger hatte beobachtet, wie
im heimischen Fanblock ein Hitlergruß gezeigt wurde. Nach Polizeiangaben wurden
die Beamten, als sie im Gästeblock die Personalien des Augenzeugen aufnehmen
wollten, von unbeteiligten Gästefans angegriffen. Das Spiel musste für 25
Minuten wegen Tumulten unterbrochen werden.
„Das war ganz undurchsichtig“, beschreibt ein der Redaktion bekannter RSL-Fan,
der anonym bleiben wollte, die Situation. Die Polizei sei mit knapp einem
Dutzend Mann in den Fanblock gegangen, es habe so ausgesehen, als ob Fans
abgeführt werden sollten. „Dann entstand Tumult“, so der Dresdner, der
regelmäßig Spiele von Roter Stern besucht. Wer letztlich angefangen habe,
wollte er nicht beurteilen. „Es war aber unverhältnismäßig“, verurteilt er das
Vorgehen der Beamten. Laut Roter Stern haben mehrere Zuschauer noch vor Ort
Anzeige wegen Körperverletzung erstattet.
Ob und wie das Spiel gewertet wird, stand am Montag noch nicht fest. Lutz
Mende, Leiter Spielbetrieb im Sächsischen Fußballverband, erwartet das Urteil
für den 7. Mai. Wie dieses dann aussehen wird, könne er nicht sagen. Zunächst
habe der Verband die Berichte von Schiedsrichter, Staffelleiter und Polizei an
das Sportgericht weitergeleitet. In Mügeln ist man sich allerdings sicher. „Wir
rechnen mit drei Punkten“, so Greschner.
© LVZ-Online, 26.04.2010, 15:19 Uhr