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Eichmann und sein Prozess – die Bilder der Holocaust-Überlebenden Friedel Stern
Thomas Mayer
Foto: Armin Kühne
Friedel Stern (Archivbild vom 11. Februar 2005)
1. Juni 1962: Im Ramleh-Gefängnis bei Tel Aviv wurde Adolf Eichmann, am 19. März 1906 in Solingen geboren, hingerichtet. Der SS-Obersturmbannführer und Organisator des Holocaust starb den Tod durch den Strang.
Die Vorgeschichte: Eichmanns Eintritt in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei und in die SS war im April 1932 erfolgt. Ab Oktober 1934 arbeitete er in Berlin im Hauptamt des NS-Sicherheitsdienstes. Die Leitung der Reichszentrale für jüdische Auswanderung in Berlin übernahm er 1939. Im Januar 1942 wurde Eichmann zum Protokollführer der Wannseekonferenz bestellt, auf der die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen wurde. Eichmann organisierte mit seinen Vertretern den Holocaust. Nach dem Krieg kurz in amerikanischer Kriegsgefangenschaft, der er entfliehen konnte, tauchte er in Deutschland unter. 1950 setzte er sich nach Argentinien ab, wo er unter dem Namen Ricardo Klement in Buenos Aires lebte, 1960 vom israelischen Geheimdienst aufgespürt und der israelischen Justiz überstellt wurde. Im Prozess in Jerusalem wurde der Hauptverantwortliche für den Massenmord der Nazis an über fünf Millionen Juden zum Tode verurteilt.
In Tel Aviv lebt die Zeichnerin und Karikaturistin Friedel Stern (89). Sie kam 1917 in einer jüdischen Familie in Leipzig auf die Welt, konnte wie ihre drei Geschwister dem Holocaust entkommen, weitere Familienmitglieder nicht, die Mutter starb auf einem Transport ins KZ. Friedel Stern verfolgte den Prozess gegen Eichmann. Sie ließ sich als Journalistin akkreditieren und zeichnete in jenes Poesiealbum, dass sie Jahrzehnte zuvor als junges Mädchen in Leipzig zum Geburtstag geschenkt bekam. Damals hatte sie auf eine x-beliebige Seite geschrieben: „Bin gespannt, was einmal auf dieser Seite stehen wird.“ Es sollte das Porträt Eichmanns sein. Zu den Zeichnungen verfasste Friedel Stern damals folgende Kurzporträts der Prozess-Beteiligten:
„Die Richter: Richter Landau, der Vorsitzende Richter, sitzt in der Mitte. Er scheint ständig zu lächeln, selbst wenn er über technische Details spricht oder einen Redner unterbricht. Links von ihm ist Richter Raveh. Er mustert die Zuschauer im Gerichtssaal mit dem gleichen Interesse, wie diese ihn beobachten. Meist stützt er seinen Kopf auf eine Hand. Rechts von dem Vorsitzenden sitzt Richter Halevi. Gelegentlich lässt er sich eine Akte geben und blättert sie durch. Mit Brille und jugendlichem Gesicht ähnelt er einem lernbegierigen Schüler.
Der Ankläger: Herr Gideon Hausner, Generalstaatsanwalt. Hausner wurde in Polen geboren und kam bereits als Kind 1927 nach Palästina. Ankläger und Verteidiger sitzen jeweils mit dem Rücken zum Publikum und der Presse im Gerichtssaal.
Der Verteidiger: Dr. Servatius, der deutsche Anwalt, der Eichmann verteidigt. Dr. Servatius spricht vor Gericht Deutsch und wird sofort ins Hebräische übersetzt, obwohl alle Beteiligten fließend Deutsch sprechen und verstehen. Die drei Richter wurden in Deutschland geboren und unterbrechen mitunter den Dolmetscher, wenn die Übersetzung eines juristischen Begriffs oder die Bedeutung eines Satzes nicht korrekt sind.
Der Angeklagte: Eichmann. Er sitzt in seinem Kasten aus kugelsicherem Glas wie in einem kleinen aufgeräumten Büro. Vor ihm auf dem Schreibtisch liegen Papier, Stifte und ordentlich angeordnete Bücher- und Aktenstapel. Er macht sich Notizen und lässt sie gelegentlich von einem Polizisten zu seinem Anwalt bringen, so als wäre der Polizeibeamte sein Bürogehilfe. Eichmann verfolgt aufmerksam über seine Kopfhörer jedes Wort der Verhandlung. Einmal stellte er sich taub: Ein Zuschauer im Saal, dessen gesamte Familie im Holocaust umgekommen war, verlor die Beherrschung und schrie Eichmann an: ,Bluthund, Bluthund“. Eichmann schluckte nur kurz und war der einzige im Saal, der sich nicht umdrehte. Er sieht grau, listig und verschlagen aus, wie ein wachsamer Raubvogel. Manchmal zuckt sein Augenlid. Ist es möglich, dass er bei einigen Bemerkungen sogar zu lächeln scheint?
Die Zuschauer: Nicht alle Israelis wollen zum Prozess gehen, viele sagen, das wäre Masochismus. Diejenigen jedoch, die dabei sind, haben unter den Nazis persönlich oder durch den Verlust ihrer Familie gelitten. Und sie starren immer wieder Eichmann an, versuchen die graue Fassade seines Gesichts zu durchdringen, um die schrecklichen Dinge, die dahinter verborgen sein müssen, zu sehen.“
Das Poesiealbum mit den Zeichnungen befindet sich in Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem. Im Jahr 2005 besuchte Friedel Stern zum ersten Mal nach 70 Jahren ihre Geburtsstadt Leipzig. Auf die Frage, ob sie Hass verspüre, antwortete sie: „Jetzt nicht mehr, das neue deutsche Volk hat sich uns gegenüber sehr anständig benommen. Hass empfinde ich gegenüber den neuen Nazis. Und die gibt es nicht nur in Deutschland.“
© LVZ-Online, 01.09.2010, 20:38 Uhr