Topthema
Geiselnahme im Jahr 1999: Leipziger Polizei überwältigt Besetzer in griechischem Konsulat
Günther Gießler
Foto: Klaus-Dieter Gloger
Polizisten nehmen einen Kurden fest.
Leipzig. Kurz nach 8 Uhr heult die Alarmanlage im Gebäude des griechischen Generalkonsulates in der Leipziger Nordvorstadt auf. Kurden brechen am 16. Februar 1999 die Eingangstür des dreistöckigen Hauses in der Kommandant-Trufanow-Straße auf. Zwischen 50 und 70 fanatische Anhänger des PKK-Führers Abdullah Öcalan stürmen die Räume des Konsulates in der ersten Etage und besetzen sie. Konsulatsangehörige sind nicht im Haus. Statt dessen nehmen die Kurden einen Steuerberater und dessen zwei Mitarbeiterinnen als Geiseln fest. Im Gebäude befindet sich eine Steuerkanzlei. Die Gefangenen dürfen ihr Büro nicht verlassen.
Wenig später trifft ein Großaufgebot der Polizei ein. Unter ihnen eine Spezialeinheit des Staatsschutzes. Das Gelände rund um das Generalkonsulat wird hermetisch abgeriegelt. Auch Feuerwehr und Rettungswagen beziehen Stellung, da die Kurden drohen, das Gebäude mit den Geiseln in Brand zu setzen, wenn der in die Türkei entführte Öcalan nicht sofort freigelassen wird. „Wir haben unsere Leute in allen Zimmern mit Flaschen voller Benzin verteilt und zögern nicht, das Konsulat abzufackeln“, sagt ein Sprecher der Besetzer. Steuerberater Helge S. darf über Telefon der Außenwelt mitteilen, daß es ihm und den beiden anderen Geiseln gutgehe.
„Wir nehmen die Drohungen der Kurden sehr ernst und tuen alles, um das Leben der Geiseln zu schützen“, erklärt Kriminalhauptkommissar Günter Pusch, Pressechef der Leipziger Polizeidirektion. Die Konsulatsbesetzer bringen an den Außenwände des Gebäudes Porträts ihres Führers Abdullah Öcalan an. Mehrere Kurden, unter ihnen auch Frauen, klettern auf die Fensterbretter, schwingen PKK-Fahnen und skandieren Sprechchöre. Immer wieder fordern sie, Freiheit für Abdullah Öcalan. Aber auch solche Sprüche haben die Besetzer drauf: „Deutsche raus aus Kurdistan!“
Die Feuerwehr rollt inzwischen vom Tankwagen aus Schläuche bis unmittelbar an das Konsulatsgebäude heran. „Wir müssen auf alles gefaßt sein“, sagt Leipzigs Brandschutzamtssprecher Joachim Petrasch. Ein Kurde gießt sich, auf dem Fensterbrett stehend, eine Flüssigkeit über den Körper. Keiner weiß, ob dies Benzin oder nur Wasser ist.
Plötzlich taucht eine Gruppe von 30 bis 40 kurdischen Sympathisanten der Besetzer in der Nähe des Konsulates auf. Mit Sprechchören ermuntern sie ihre Landsleute, durchzuhalten. Polizeibeamte drängen die Kurden ab, es kommt zu keiner tätlichen Auseinandersetzung. „Die Griechen haben in der Botschaft Kenias unseren Öcalan verraten“, begründet einer der Abgedrängten den massiven Protest.
Die Lage spitzt sich im Konsulat zu. Die Besetzer erfuhren offensichtlich, daß der Kurdenchef in die Türkei entführt wurde. Polizeibeamte in Schutzanzügen und heruntergeklappten Visieren nehmen vor dem Gebäude Aufstellung. Auch eine gefährlich aussehende Hundestaffel flößt gehörigen Respekt ein. Doch die Sprechchöre von den Konsulatsfenstern werden eher wütender.
„Wir stürmen jetzt auf keinen Fall das Gebäude, um die Geiseln nicht zu gefährden“, erklärt Pusch gegen Mittag. Spezialisten des Landeskriminalamtes aus Dresden treffen ein. Sie wollen mit den Besetzern verhandeln und sie zum Aufgeben bewegen. „Bedingung ist“, so Kriminalhauptkommissar Pusch, „daß die Geiseln erst freigelassen werden.“ Doch die Kurden lehnen dies strikt ab. Sie beharren auf ihrer Forderung, daß erst Öcalan auf freien Fuß gesetzt wird.
Plötzlich tauchen wieder etwa 50 Kurden aus der Innenstadt auf. Sie provozieren mit einem Sitzstreik vor der Absperrung der Polizei. 15 der Demonstranten werden festgenommen. Sie ignorierten die mehrfache Aufforderung der Polizei, das Gelände zu verlassen.
Am späten Nachmittag verkünden die Besetzer, daß ein Fernsehteam ins Konsulat kommen soll, die Kurden wollten eine Erklärung verlesen. Als die Vorbereitungen dazu abgeschlossen sind, sagen die militanten Kurden den Fernsehauftritt ab und lassen das Team nicht ins Haus. Dann gegen 17.45 Uhr: Die Beamten stürmen das Konsulat. Die Geiseln werden unverletzt befreit, die annähernd 70 Besetzer festgenommen.
© LVZ-Online, 15.06.2010, 15:54 Uhr