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Gericht lädt Lebensretter aus Halle als Zeugen

Leipzig. "Das war eine Kurzschlussreaktion von mir, das hätte auch ins Auge gehen können", sagt Tobias Knörgen. Wenn der Ruderer aus Halle an den 13. April 2008 denkt, weiß der heute 20-Jährige, dass er an diesem Tag sein Leben aufs Spiel gesetzt hat.

Es ist ein sonniger Sonntag vor knapp zwei Jahren. Der RV Triton richtet in Leipzig eine Regatta aus. Knörgen geht für seinen halleschen Heimatverein HRV Böllberg am Vormittag zunächst selbst an den Start. Später betreut er Nachwuchssportler aus der Saalestadt.

Kurz vor halb drei steht der Abiturient in der Nähe des Palmengartenwehrs, etwas abseits vom Ufer. "Ich habe bemerkt, wie die Leute plötzlich aufgeregt zum Wasser geschaut haben", erinnert er sich. Knörgen geht rüber und guckt nach. Er sieht wie der Dessauer Anfänger-Vierer mit Steuermann bedrohlich nah an das Wehr treibt und verzweifelt gegen den Sog des Wassers kämpft. Sekunden später stürzt das Boot hinunter ins Elsterflutbecken und zerbricht.

zum Thema Dessauer Ruderchef sieht Verantwortung für Unfall in Leipzig Zweiter Verhandlungstag im Prozess um tödlichen Unfall bei Ruder-Regatta „Die haben mich nicht gehört“ - Prozess um Ruderunfall in Leipzig eröffnet Ruderunfall am Palmengartenwehr: Nachwuchsboot stürzt in Elsterflutbecken Aus dem Gedächtnisprotokoll eines DLRG-Helfers über den Einsatz in Leipzig Tödlicher Ruder-Unfall - Zeuge: Motorboot für Rettungsaktion zu schwach Leipziger Ruderclubchef sah tödliche Gefahr nicht
Der zwölfjährige Maximilian wird von den Fluten verschluckt und ertrinkt. Der ein Jahr jüngere Steuermann Martin bleibt Minuten lang unter Wasser, wird aber gerettet. Zwei weitere Kinder haben Glück: sie werden mit solcher Wucht hinuntergeschleudert, dass sie weit genug vom Wehr im ruhigen Wasser aufkommen. Beide schaffen aus eigener Kraft den Weg ans Ufer.

Ein Mädchen bleibt bedrohlich nah am Wehr zurück und kämpft gegen die Strudel. Knörgen überlegt nicht lang. "Am Ufer lag noch ein startbereiter Einer", erinnert sich der Student. Er schiebt das Boot ins Elsterflutbecken. Sein Vater Wolfgang, der die Aktion von weitem sah, hatte Angst. „Ich hab’ erst gar nicht gemerkt, dass es mein Sohn ist, dachte nur, der junge Mann hat aber Mut. Bei der Strömung.“

Ein paar kräftige Züge reichen und auch der junge Mann gerät in den Sog des Wehrs, das zu diesem Zeitpunkt wegen Sanierungsarbeiten nur auf einer Seite geöffnet ist.

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"Die eine Hälfte meines Bootes war im ruhigen Wasser, die andere in der Strömung", sagt er. Er kann den Einer wegen des herum schwimmenden Treibholzes nicht mehr lenken. Schließlich knallt Knörgen gegen einen Brückenpfeiler und auch sein Boot zerbricht. Im Wasser bekommt er das Mädchen zu greifen und zieht es zu einem Seil hinüber, das Helfer inzwischen heruntergelassen haben. Beide werden damit herausgezogen.
"Ich grübele heute nicht mehr darüber nach, was hätte passieren können", so der Hallenser. Allerdings wüsste er nicht, wie er sich verhalten würde, wenn er noch einmal in so eine Situation käme.

Von Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer wurde Knörgen mit der Rettungsmedaille des Landes geehrt. Zu der jungen Ruderin hat er noch immer Kontakt. "Meist über den Computer", berichtet der angehende Mediziner. Seinem Sport ist er treu geblieben. Am Studienort in Ulm ist Knörgen weiter in einem Verein aktiv.

Seine Geschichte musste er oft erzählen. Kurz nach der Rettung, ein Jahr nach dem Unfall. Jetzt ist er wieder gefragt, kurz vor dem Start des Prozesses gegen drei Sportkameraden aus Leipzig und Dessau am Donnerstag. Inzwischen will der Student nicht mehr reden. „Wir sagen nichts mehr“, lässt er über seine Mutter mitteilen. Für das Verfahren ist er als Zeuge vorgesehen.
 
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