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"Sie ist jeden Tag präsent" - Mutmaßlicher Mörder von Corinna steht in Leipzig vor Gericht
Johannes David
Foto: Norman Rembarz
Der mutmaßliche Mörder der neunjährigen Corinna aus Eilenburg muss sich vom 12. März an vor dem Landgericht Leipzig verantworten.
Leipzig/Eilenburg. Mehr als sieben Monate ist es her, da erschütterte
der Mord an der neunjährigen Corinna die Kleinstadt Eilenburg (Kreis
Nordsachsen). Am Freitag hat nun der Prozess gegen den mutmaßlichen
Täter Lutz-Peter S. am Landgericht Leipzig begonnen. Der 39-Jährige muss
sich
unter anderem wegen Mordes und sexuellen Missbrauchs von Kindern mit
Todesfolge verantworten. Ihm droht eine lebenslange Haftstrafe.
Mandy S., die Mutter von Corinna, wird nicht im Gerichtssaal sitzen. "Sie hat lange überlegt, aber ich habe ihr davon abgeraten. Es macht keinen Sinn", sagt ihre Anwältin Ina Alexandra Tust. Die Mutter wolle Antworten vom Angeklagten, doch die werde sie nicht bekommen. Wie die Staatsanwaltschaft Tust signalisierte, plant Lutz-Peter S. zur Tat zu schweigen.
Ihre psychologische Behandlung hat Mandy S. abgebrochen, weil sie damit nicht klar kam. Unterstützung erhält die Familie von ihrem Umfeld und von der Opferschutzorganisation Weißer Ring. Corinnas elfjährige Schwester und ihr zwei Jahre älterer Bruder verdrängen den Mord. "Sie wollen fast gar nicht darüber reden, einfach nur Alltag herstellen", erzählt Tust. Die Mutter versucht, sich mit Arbeit abzulenken, geht einem Aushilfsjob nach. "Jeder geht mit so einem schrecklichen Ereignis anders um", sagt die Anwältin.
Verpackt in einen Müllsack fanden Männer der Freiwilligen Feuerwehr am 29. Juli 2009 den leblosen Körper des Mädchens in der Mulde. Vergewaltigt, ermordet. Einen Tag vorher hatten ihre Eltern Corinna als vermisst gemeldet, nachdem sie vom Spielen nicht zurückgekehrt war. Den mutmaßlichen Täter nahm die Polizei am 1. August fest. Der wegen Brandstiftung vorbestrafte und zu vier Jahren Haft verurteilte Mann wohnte nur einige hundert Meter von Corinnas Elternhaus entfernt. Er legte ein Geständnis ab, das sich mit den späteren Ermittlungen der Polizei decken sollte.
Bis heute lässt das Verbrechen die Einwohner der Kleinstadt an der Mulde nicht los. 17 000 Menschen leben hier in der sächsischen Provinz. Viele kannten Corinna persönlich. Noch am deutlichsten spürbar sind Verunsicherung und Fassungslosigkeit bis heute bei den Männern der Eilenburger Feuerwehr. Äußerst einsilbig, beinahe widerwillig redet Wehrleiter Gunter Kneiß über die Tat. "Damals wurde die Stieftochter eines Kameraden getötet." Kaum mehr als dieser kurze Satz kommt über seine Lippen. Einzig, dass die Kameraden die Corinna damals fanden, auch heute noch bei der Feuerwehr seien. Zu allen anderen Fragen heißt es nur: "Kein Kommentar."
Unmittelbar nach dem Mord kümmerte sich Eilenburgs evangelischer Pfarrer Ralf Günther um die Familie. Seines Mitgefühls könnten sich die Angehörigen auch während des Prozesses sicher sein. "Hoffentlich überstehen sie alles gut." Wie sein Verhältnis zur Familie heute ist, darüber will er aus "seelsorgerischen Gründen" nicht reden. Sein katholischer Amtskollege Ulrich Schade zündet noch heute jeden Tag in der Kirche eine Kerze für Corinna an. "Sie ist jeden Tag präsent." In Gesprächsrunden sei der Mord an dem kleinen Mädchen oft das beherrschende Thema. Im Religionsunterricht fragen die Kinder: "Wieso hat das niemand verhindert?"
Einen ganz anderen Eindruck schildert sein Amtskollege Günther. Für ihn sei es erschreckend, dass Corinna vielfach gar Rolle mehr spiele. "Andererseits ist es natürlich auch gut, die Aufmerksamkeit wieder auf andere Dinge zu richten." Seine Angst, die grausame Tat führe zu Misstrauen der Eilenburger untereinander, habe sich zum Glück nicht bewahrheitet. "Ich persönlich halte noch immer an Corinnas Grab inne, um an die Familie zu denken, mich zu erinnern und dem Leid ins Auge zu sehen."
Eilenburgs Oberbürgermeister Hubertus Wacker (SPD) hofft einzig auf ein schnelles Ende des Prozesses. "Die Details interessieren mich gar nicht, davon habe ich schon im vergangenen Jahr mehr als genug erfahren müssen." Das Verbrechen und die anschließenden Ermittlungen haben Spuren bei Wacker hinterlassen. "Das Verfahren wühlt einige Emotionen auf. Jetzt hoffe ich nur auf ein angemessenes Urteil."
Zur Urteilsfindung sollen ab morgen die Aussagen von zwölf Zeugen und zwei Sachverständigen beitragen, fünf Verhandlungstage sind geplant. Der Richterspruch wird für den 31. März erwartet.
© LVZ-Online, 11.03.2010, 15:25 Uhr