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Vorwürfe werden auch gegen Heim im sachsen-anhaltischen Pretzsch laut
Frank Hörügel
Pretzsch. "Ich möchte nicht noch einmal ausgelacht werden", sagt der 48-Jährige. Seinen Namen (liegt der Redaktion vor) will er deshalb nicht in der Zeitung lesen. Im Spezialkinderheim für schwer erziehbare Kinder im sachsen-anhaltinischen Pretzsch bei Wittenberg wurde er nach eigenen Angaben als Jugendlicher nicht nur ausgelacht, sondern auch mehrfach sexuell missbraucht. Nach dem Bericht vom Mittwoch zu Übergriffen im Eilenburger Heim für erziehungsauffällige Kinder hat sich der 48-Jährige entschlossen, über seine Erlebnisse in Pretzsch zu berichten. Er war dort als Junge von 1969 bis 1979, weil er nach eigenen Aussagen gegen das DDR-Regime rebelliert hatte.
"Mitten in der Nacht wurden wir von den Strahlen der Taschenlampen geweckt und in eines der Verstecke geführt. In dem alten Schloss gab es ja genug Verstecke. Die Erzieher haben dann mit uns ihre Spielchen gemacht, uns unten angefasst und sich an uns gerieben", erinnert er sich. Außerdem sei es üblich gewesen, dass aufmüpfige Heimbewohner zur Strafe mit kaltem Wasser abgestrahlt wurden. "Wir mussten die Hände im Nacken verschränken, und dann hielten die Erzieher den eiskalten Strahl auf unsere Brust und auf die Weichteile." Dabei seien die Jungs von ihren Peinigern beschimpft und als Weicheier ausgelacht worden.
Wie viele Heimbewohner sexuelle Übergriffe der Erzieher erdulden mussten, ist unklar. "Bei uns hat sich bisher kein ehemaliger Insasse in dieser Richtung gemeldet. Das ist der erste Fall. Das heißt aber nicht, dass es so was nicht gegeben haben kann", sagte gestern Rainer Wischniewski, pädagogischer Bereichsleiter im Kinder- und Jugendheim Pretzsch. Das Haus gehört zur gemeinnützigen Gesellschaft Salus.
In den vergangenen Monaten seien in Pretzsch hunderte von Anfragen ehemaliger Bewohner eingegangen, die einen Nachweis für ihren Aufenthalt angefordert hätten. Den bräuchten sie, um ihre Ansprüche nach dem neuen Reha-Gesetz anmelden zu können. "Etliche Gespräche habe ich selbst geführt, da ist nichts in der Richtung hochgekommen", so Wischniewski. Er bietet Betroffenen Unterstützung an: "Jeder, der hier so etwas erlebt hat, kann sich an uns wenden. Wir behandeln das vertraulich."
Der heute 48-jährige ehemalige Heiminsasse wurde im Mai 1979 volljährig. Damit war für ihn das Martyrium zu Ende - und er konnte das Heim nach zehn Jahren verlassen. So richtig auf die Beine gekommen ist er danach nie. Die Schatten von Pretzsch verfolgen ihn bis heute. "Das wird man nicht los. Ich kann nicht auf Menschen zugehen, bin beziehungsunfähig." Von seiner Erwerbsunfähigkeits-Rente lebt er isoliert in einem Wohnwagen bei Neustrelitz. Kontakt zur Außenwelt hält er über das Internet. In der virtuellen Welt nennt er sich Rebello. In der realen Welt haben die Erzieher im DDR-Spezialheim sein rebellisches Wesen gebrochen.
Die gemeinnützige Salus GmbH ist seit 2000 Träger des Heimes in Pretzsch. "Das macht uns im Nachhinein sehr betroffen. Weitere Fälle von sexuellen Übergriffen sind uns bisher nicht bekannt", sagte auch Salus-Sprecherin Franke Petzke gestern.
© LVZ-Online, 10.03.2010, 22:46 Uhr