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Gauck und Rehhagel: Die Alten müssen wieder ran

Joachim Gauck soll Bundespräsident werden. Foto: Jörg Carstensen   Foto: dpa Joachim Gauck soll Bundespräsident werden. Foto: Jörg Carstensen

Berlin (dpa) - Jung, erfolgreich, fotogen: Die Guttenbergs und Wulffs wurden in ihren besten Zeiten in einem Atemzug mit den Kennedys genannt. Aber die Glanzzeit der Glamourpaare ist erst einmal vorbei.

Der anstehende Einzug Joachim Gaucks ins Schloss Bellevue lässt sich als Indiz für einen gesellschaftlichen Wandel deuten - wie damals, als auf den Zigarren schmauchenden, etwas machohaften Kanzler Gerhard Schröder mit Angela Merkel eine nüchterne ostdeutsche Physikerin folgte.

zum Thema Schirrmacher-Artikel «Der Sturz der Babyboomer» Trendforscher Wippermann «Nürnberger Zeitung» zu Daniela Schadt

Mit Gauck wird künftig ein 72 Jahre alter DDR-Bürgerrechtler mit bewegter Biografie den Deutschen ins Gewissen reden, die Ehrenurkunden für Bundesjugendspiele unterschreiben und den Bundespresseball eröffnen. Altkanzler Helmut Schmidt wird mit 93 auf Parteitagen bejubelt, Fußballtrainer Otto Rehhagel soll mit 73 Jahren Hertha BSC retten. Die Alten müssen ran.

Die Generation der Babyboomer sei gescheitert, erklärt Frank Schirrmacher in der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung». «In Gestalt von Christian Wulff, Jahrgang 1959, hat ein Angehöriger dieser Generation das Höchste erreicht und in nie gesehener Geschwindigkeit alles vermasselt.» Die zwischen 1955 und 1970 Geborenen hätten keine Ideen hervorgebracht, bis auf den Neoliberalismus.

«Sie haben auf jeden Fall ihre Chancen nicht genutzt», sagt der Hamburger Gesellschaftsforscher Peter Wippermann über die Babyboomer. Auch in der Wirtschaft kehrten Altgediente zurück. Durch Gauck werde sich «ziemlich viel» ändern: Mit 72 steht dieser laut Wippermann für die älter werdenden Deutschen, Gauck sei ein Abbild der gesellschaftlichen Entwicklung.

Politisch wertet Wippermann die Bellevue-Entscheidung als Schritt zu einer bürgerlich-konservativen Grundhaltung, hin zu weniger Showeffekten und mehr Besonnenheit. «Ich glaube, das ist für die Situation im Land außerordentlich positiv, weil man das Gefühl hat: Es gibt sie noch, die guten alten Traditionen.»

Wippermann spielt damit auf einen Slogan des «Manufactum»-Katalogs voller Retro-Produkte an: «Es gibt sie noch, die guten Dinge». Und er verweist auf die hohe Auflage des Magazins «Landlust», das den Deutschen Heimeliges wie Marmelade kochen und Gärtnern nahe bringt. «Da sehen Sie, wo das Herz einer großen Gruppe der Gesellschaft schlägt.»

Der Berliner Historiker Paul Nolte (Freie Universität) interessiert sich mehr für die politischen Gesichtspunkte als für die Stilfragen. Wulff sei kein glamouröser Präsident gewesen, meint er. Und Sehnsucht nach honorigen Staatsmännern? «Aber Gauck ist ja gar keiner, das ist doch der Punkt!» Ein Staatsmann sollte es ja gerade nicht werden, unterstreicht Nolte. «Honorig» erscheine man meistens erst hinterher, mit Abstand und Verklärung. «Die meisten Bundespräsidenten waren ganz normale Parteipolitiker, als sie ins Amt kamen, und in der Regel sind wir damit sehr gut gefahren.»

Offen ist, welche Rolle Gaucks Lebensgefährtin Daniela Schadt (52) spielen wird. Traditionell werden von einer First Lady Auftritte bei Staatsbesuchen und Empfängen, ehrenamtliches Engagement und Schirmherrschaften erwartet. Aber in Stein gemeißelt ist das nicht. Trendforscher Wippermann hält es für möglich, dass Schadt ähnlich im Hintergrund bleiben darf wie der Mann der Kanzlerin, Joachim Sauer. Auch das wäre ein Kontrastprogramm zu Bettina Wulff, ihrer vielfotografierten Vorgängerin.

 
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