Bad Düben
Weiberfasching in Nostalgierausch
Steffen Brost
Foto: Steffen Brost
Da hat Mann schlechte Karten bei der Weiberfastnacht in Bad Düben. Der Schlips wird eine halbe Länge kürzer gemacht.
Bad Düben. Beim Weiberfasching im Heide Spa hatten die Männer keinen Zutritt.
Nur einige wenige trauten sich an diesem Abend in die Höhle des Löwen. Und
meistens waren es billige Hilfsarbeiter vom Hammermühler Karnevalsverein, die
den Frauen einen wunderschönen Weiberabend organisieren mussten.
Trotzdem
versuchten einige Männer in Frauenkleider sich durch die strenge Kontrolle an
der Saaltür zu mogeln. Einer schaffte
es. Im bayrischen Dirndl und mit der
Filmkamera im Gepäck filmte Hans-Georg Marschner die Weibergala. Alle Fäden
hatte an diesem Abend Edith Scheeren mit ihren Frauen in den Händen. "Das ist
unsere zwölfte Weiberfastnacht. Und die haben wir in diesem Jahr Nostalgie
getauft. Jeden Dienstag haben wir für das Programm geübt und Ideen entwickelt.
Natürlich brauchten wir dafür auch eine handvoll Männer, weil ohne die macht das
ja keinen Spaß", schmunzelte Scheeren.
Schon vor dem offiziellen Beginn waren
die Frauen außer Rand und Band und zogen mit scharfen Scheren, auf der Jagd nach
Männerschlipsen durch den Saal. Auch die beiden besten Stücke der DJ's Renée
Heller und Nico Kricheldorf mussten dran glauben. Heide Spa-Servicemitarbeiterin
Juliane Jacker machte kurzen Prozess und machte beiden das Stück um die Hälfte
kürzer. Dann ging es los. Im scharfen Befehlston der Pionierleiterin Christine
Eißner, marschierten die Thälmannpioniere in den Saal. Dann durften auch die
Männer rein. Doch bevor sie das Halstuch des Jungpionieres umgebunden bekamen,
mussten sie das Gelöbnis ablegen. Und Widerrede, hatte angesichts der
Frauenmacht an diesem Abend keinen Sinn. Und so versprachen sie den Frauen an
diesem Abend alle Wünsche von den Augen abzulesen, ihr Geld zur Verfügung zu
stellen, damit die Weiblichkeit es richtig krachen lassen kann und alle ihre
Kräfte einzusetzen, um den nächsten Tag selbstständig zu bewältigen, ihre Frauen
zu schonen und die Kinder zu hüten. Nach dem Versprechen konnte das Programm
beginnen. Aus der Mottenkiste war Willy Schwabe, alias Annette Kind, mit seiner
Rumpelkammer entstiegen und zog über das alte Ossi-Wessi-Problem her. "Wisst ihr
eigentlich, warum die Wessis Ossis zu uns sagen. Na, weil sie das Wort
Spezialist nicht aussprechen können. Auch muss man im Westen 13 Jahre für ein
Abitur einplanen. Weil man dort nämlich noch ein Jahr Schauspielunterricht
machen muss", erzählte Willy Schwabe.
Nach dem Auftritt von Sandmännchen,
Pizziplatsch der Liebe und Schnatterente sowie diversen Tanzeinlagen traf sich
ein altes Rentnerpaar auf der Gartenbank und genehmigte sich ein Schälchen
Heeßen (Kaffee). Sie tratschten und klatschten sich durch die DDR Jahre und
wussten auch, das sich einst Margot Honecker von ihrem Mann Erich nichts mehr
wünschte, das der die Mauer einen Tag lang öffnete. Warum? Nach weil Margot mit
ihm einen Tag mal ganz alleine verbringen wollte. Dann wurde es rockig. Zu
düstere Musik zogen sechs vermummte Mönche in den Saal, die sich nach den ersten
Klängen schnell entkleideten. Aus den Umhängen entstiegen sechs leibhaftige
Michael Jackson's. Die Frauen klatschten, pfiffen und schrien. Auch die elf
Holzhackerweiber vom Wellauner Sportverein hielt es nicht mehr auf ihren
Plätzen. "Wir sind heute zum zwölften Mal dabei. Es macht immer einen
Mordsgaudi", freute sich Inge Zimmermann. Erst nach etlichen Moonwalks und
heißen Sohlen auf dem Parkett durfte die einstige Pop-Ikone die Bühne nach einer
Zugabe wieder verlassen. Und dann kamen sie. Die Stargäste des Abends. Die
beiden DDR-Komiker Rolf Herricht und Hans-Joachim Preil. Und das im passenden
DDR-Syntetik-Maßanzug. Hinter der Maskerade: Peggy Fischer und Bad Dübens
Bürgermeisterin Astrid Münster. Originell herausgeputzt und fast identisch wir
einst die Fernsehoriginale.
Ihr witziges Wortspiel von Nachtschattengewächen,
Gartenparzellen und Granatapfeln gefiel. Im Programm folgten der Auftritt der
Fernsehköche, zahlreichen DDR-Stars wie Monika Hauff und Klaus-Dieter Henkler,
Nina Hagen und eine Ausgabe der Aktuellen Kamera. Und die hatte an diesem Abend
ein Geburtstagkind zu vermelden. Rudolf Scheeren, HKV-Minister, feierte seinen
65. Geburtstag. Und plötzlich war für kurze Zeit alles fast wie immer. Die
Frauen traten brav an, überreichten Geschenke und sangen ein Ständchen. Kurz
vorm Finale setzte noch der A380 der Interflug zur Landung im Heide Spa an. Im
Gepäck lauter musikalische Luftfracht, das selbst die Schlümpfe im Saal zum
Tanzen brachte. Unter den blauen Mützen verbargen sich die Frauen des Bad
Dübener Sportvereins. "Der Weiberfasching ist richtig gut gelungen. Wir kommen
wieder", freute sich Ute Thomas. Bevor der Flieger wieder abhob, entledigte sich
er seiner musikalischen Gepäckstücke wie Frank Schöbel, der vom Nordpol zum
Südpol zu Fuß ging, Hudo-Egon Balder, der Erna ankündigte und Vicky Leandros,
die mit Theo nach Lodz fahren will. Nach zweieinhalb Stunden ist das schunkeln
allerdings noch lange nicht vorbei. Es folgt Teil zwei der Weibershow: tanzen
und singen bis der Arzt kommt.
© LVZ-Online, 17.02.2012, 09:16 Uhr