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Borna

Für uns zählt in erster Linie die Sicherheit

Die Vorbereitungen für die große Abstellung bei der Dow Olefinverbund GmbH sind auch für den Außenstehenden sichtbar. Der Cracker – links im Bild – ist bereits seit Wochen eingerüstet.   Foto: Jörg Reuter Die Vorbereitungen für die große Abstellung bei der Dow Olefinverbund GmbH sind auch für den Außenstehenden sichtbar. Der Cracker – links im Bild – ist bereits seit Wochen eingerüstet.
Bereits seit Wochen kann man ein Gerüst am Cracker der Dow Olefinverbund GmbH sehen. Ein erstes Anzeichen, das auf die „große Abschaltung“ des Chemiewerks zwischen Ostern und Pfingsten hinweist. Die Leipziger Volkszeitung sprach im Vorfeld mit dem Standortleiter Dieter Schnepel und dem Projektleiter Reiko Hass über das Vorhaben und die Zukunft des Standortes.

Frage: Sie kündigen die „große“ Abschaltung an. So etwas hat es hier am Böhlener Standort noch nie geben, oder?

Schnepel: Man kann nicht sagen nie, denn das Werk ist historisch gewachsen. Aber ich glaube, in dieser Größenordnung, mit einem Volumen von über 70 Millionen Euro und insgesamt rund 2500 Arbeitskräften aus etwa 85 Partnerfirmen, hat es so eine Großabstellung noch nicht gegeben, seit die Dow im Jahr 2000 die Anlagen übernommen hat.

Was werden Sie – einfach ausgedrückt – dann tun?

Hass: Laut der europäischen Betriebssicherheitsverordnung muss regelmäßig inspiziert werden. Die kleinere Variante ist eine visuelle Inspektion, bei der nach Schäden gesucht wird. Im Rhythmus von zehn Jahren steht parallel dazu eine Festigkeitsprüfung an. Das heißt, mit Wasser oder Gas wird eine Druckprüfung der gesamten Anlage durchgeführt. Damit sind wir jetzt dran. Dafür wird der gesamte Betrieb heruntergefahren und der Tüv-Prüfung unterzogen. Wir werden jedoch nicht nur die vom Gesetzgeber geforderte Festigkeitsprüfung durchführen, sondern den Stillstand auch für Erneuerungen verschiedener Teile nutzen, zum Beispiel wird der Fackelkopf an der Hochfackel erneuert.

Schnepel: In einer Kernzeit von zirka zwei Wochen wird das komplette Werk stillstehen.

Wann wird es losgehen?

Hass: Ende März fangen wir damit an, die Anlagen herunterzufahren. Die eigentliche Inspektionszeit erstreckt sich ungefähr von Ostern bis Pfingsten. In dieser Zeit müssen sich die Anwohner auch auf ein erhöhtes Verkehrsaufkommen einstellen. Wir werden dann bis zu 2000 zusätzliche Arbeitskräfte hier beschäftigen.

Wo kommen die Partnerfirmen her, und in welchen Gewerken arbeiten sie?

Schnepel: Wir freuen uns außerordentlich, für die Inspektion jene Firmen gewonnen zu haben, mit denen wir auch sonst hier zusammenarbeiten. Wir haben sehr viel Wert darauf gelegt, wann immer es möglich ist, Betriebe aus der Region mit den Aufträgen zu versorgen. Nur für spezielle Aufgaben musste auf überregionale Anbieter zurückgegriffen werden.

Hass: Hauptsächlich werden Schlosser- und Rohrschlosserfirmen tätig sein. Weitere Hauptgewerke sind Reinigung, Abfallentsorgung, Elektrotechnik, Instrumentierungstechnik sowie die für die Inspektionen erforderlichen Firmen.

Spielen bei der Abschaltung auch sicherheitsrelevante Aspekte eine Rolle? Gibt es Gefahren?

Schnepel: Bei der Dow ist Sicherheit eines der höchsten Ziele. Deswegen sind wir seit zwei Jahren dabei, diese Abschaltung vorzubereiten. Das ist nichts, was wir mal eben so aus der Tasche ziehen. Wir haben die Pläne für das An- und Abfahren der Anlagen sehr sorgfältig geprüft, um die Restgefährdungen auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Der in der nächsten Zeit zu beobachtende verstärkte Fackelbetrieb deutet dann auch nicht auf Schwierigkeiten hin. Im Gegenteil: Restgase werden gezielt dort hin geleitet, um die Systeme zu entleeren. Etwa zwei Wochen vor Ostern wird der Prozess des Abschaltens beginnen, nach Pfingsten werden die Anlagen wieder hochgefahren. Das wird noch einmal rund zehn Tage in Anspruch nehmen. Zu unserem Sicherheitskonzept gehört weiterhin, dass jeder eingesetzte Mitarbeiter von uns eine Arbeitserlaubnis erhalten wird. Darin ist dokumentiert, was wo getan werden darf. So wird auch die komplette Inspektion dokumentiert.

Noch einmal nachgefragt: Was wird über die Fackel verbrannt?

Schnepel: Nur die Gase, die wir auch zu anderen Zeiten dort hinleiten dürfen. Für die Fackel gibt es eine Genehmigung, die ganz genau vorschreibt, was dort verbrannt werden darf. Wir können auch zum Stillstand dort keine Dreckreste entsorgen. Das wollen wir auch gar nicht, dafür ist das System viel zu wichtig.

Also bestehen während der großen Abschaltung keine Umweltgefährdungen.

Schnepel: Richtig! Das war auch Thema der Gespräche mit den Bürgermeistern und der Bürgerkontaktgruppe in den vergangenen Tagen. Für die umliegenden Gemeinden gibt es keine Gefahren. Für uns zählt auch hier in erster Linie die Sicherheit.

Der Cracker, das Herzstück ihres Betriebes, ist rund 35 Jahre alt. Vergleicht man etwa drei Jahrzehnte alte Autos mit neuen, dann gibt es da erhebliche Unterschiede gerade im Bereich der Sicherheitstechnik. Wie lang ist eigentlich die Betriebszeit eines Crackers? Und entspricht der hier stehende noch den heutigen Anforderungen?

Schnepel: Nun, es gilt erst einmal den Cracker immer wieder auf dem Stand der Zeit zu halten, und dazu dienen auch diese Aktivitäten. Wir haben die Apparatur über die ganzen Jahre stets verbessert. Dazu gibt es auch jetzt einige Projekte: Einmal eben die Inspektion, zum anderen werden wir das Prozessleitsystem ändern und neue Technologien wie zusätzliche Messverfahren für die Sicherheit einbauen. Dafür nutzen wir die Stillstandzeit natürlich auch. Somit wird der Cracker auch nach der Abschaltung wieder ein Stück moderner sein.

Hass: Um bei dem Bild mit dem Auto zu bleiben: ESP, ABS, Bordcomputer, Airbags – all das haben wir in das „30 Jahre alte Auto“ eingebaut.

Schnepel: Eine vordefinierte Laufzeit gibt es für einen Cracker dieser Art aber nicht. Solange er sicher und wirtschaftlich ist, kann er betrieben werden.

Herr Schnepel, Sie sagen, eine Laufzeitbeschränkung gibt es nicht. Dennoch wurde vor einigen Jahren vor dem Hintergrund des Alters der Anlage der Neubau eines zweiten Crackers in Böhlen diskutiert. Was ist aus diesen Plänen geworden?

Schnepel: Momentan konzentrieren wir uns darauf, diesen älteren Cracker auf Herz und Nieren zu prüfen. Die Pläne für den zweiten Cracker haben wir nicht geschreddert, sondern halten sie griffbereit. Wir haben über Jahre die Möglichkeit einer solchen Investition geprüft und halten dafür auch nach wie vor Flächen bereit. Durch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der letzten 16 Monate wurden diese Pläne jedoch nicht verstärkt weiterverfolgt. Es galt für unser Unternehmen erst einmal die Krise zu überwinden.

Seinerzeit wurde die Frage nach einem zweiten Cracker auch mit der Zukunft des hiesigen Standortes verbunden.

Schnepel: Der Standort Böhlen ist insofern gut aufgestellt, dass wir hier im Dow-Verbund die neuesten Anlagen stehen haben. Auf Grund dessen weil wir zwischen 1995 und 2000 vor Ort die größten Investitionsaktivitäten hatten. Das wird uns aber nicht helfen, wenn die Standortfaktoren nicht stimmen. Etwa beim Stichwort CO2-Besteuerung müssen unsere Produkte auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig bleiben. Das heißt, die Rahmenbedingungen müssen so gestaltet werden, dass wir hier weiterhin wirtschaftlich produzieren können. Kurzfristig sind wir demnach gut aufgestellt. Aber schon mittelfristig brauchen wir Planungssicherheit, wo die Reise bezüglich der Zusatzkosten hingeht. Denn um langfristig bestehen zu können, müssen wir wachsen. Das ist ein wesentlicher Aspekt. Ich denke auch, die Investitionen von 75 Millionen Euro in die Wartungsarbeiten sind ein deutlicher Beweis, diesen Standort auch für die Zukunft gut aufzustellen.

 

 
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