Borna
Braunkohleort Heuersdorf - Fundgrube für Archäologen
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Die Taborkirche im sächsischen Braunkohleort Heuersdorf ist mittlerweile entweiht und abgerissen worden (Foto vom 20. Mai 2009).
Leipzig. Es ist auf den ersten Blick nicht viel, was die Archäologen als Überreste des abgebaggerten Tagebauortes Heuersdorf präsentieren: Ein paar Glasfläschchen, einige Ringe, ein goldenes Armband hat Chef-Ausgräber Dirk Scheidemantel am Dienstagabend in Leipzig für die Öffentlichkeit ausgebreitet. Spektakuläre Funde sehen anders aus.
Trotzdem ist Scheidemantel begeistert bei der Sache. Die „gesamte Siedlungsgenese" eines westsächsischen Dorfes könne man jetzt nachvollziehen, sagt er. Die Wurzeln von Heuersdorf und des benachbarten eingemeindeten Großhermsdorf liegen demnach vor 1200.
Besonders ausgiebig widmet sich Scheidemantel der Taborkirche von Großhermsdorf. Das schlichte Gotteshaus wurde am 22. November 2008 entweiht und im Juni 2010 abgerissen. In der Zeit dazwischen förderten die Archäologen und Denkmalpfleger Bemerkenswertes über die Kirche zutage. Demnach war sie mit einem vermutlichen Baujahr um 1220 einige Jahrzehnte älter als die Heuersdorfer Emmauskirche, die im Herbst 2008 mit viel Aufwand nach Borna umgesetzt wurde. Die Taborkirche sei ein Zeugnis „frühen Kirchenbaus in Westsachsen", sagt Denkmalpfleger Thomas Brockow. Und sie sei die 18. Kirche, die dem Braunkohlentagebau südlich von Leipzig zum Opfer gefallen ist.
Rund um die Kirche haben die Archäologen den Friedhof untersucht. Bis zu fünf Bestattungen übereinander hätten sie gefunden, berichtet Scheidemantel. So könne man die Bestattungsriten der jeweiligen Jahrhunderte sehr gut nachvollziehen - von schlichten Beerdigungen ohne Grabbeigaben in der frühen Neuzeit bis hin zu einer „ausgeprägten Beigabensitte" in der Weimarer Republik und in der Nazizeit, als den toten Dorfbewohnern auch mal Kriegsauszeichnungen mit in den Sarg gelegt wurden.
Etwa neun Zehntel der Ausgrabungsflächen seien inzwischen abgearbeitet, sagt Landesarchäologin Regina Smolnik. Heuersdorf selbst hat der Tagebau „Vereinigtes Schleenhain" inzwischen verschluckt. Die Reste von Großhermsdorf werden bis Ende des Jahres unter die Bagger geraten. Dann werden die Dörfer nur noch in der Erinnerung und in den Archiven der Archäologen und Denkmalpfleger weiterleben - allerdings besser dokumentiert als viele andere Orte, die in früheren Jahrzehnten der Kohle weichen mussten.
© LVZ-Online, 01.09.2010, 11:45 Uhr