Delitzsch
Kreiswerke Delitzsch müssen sich erneut wegen Ausschreibung der Abfallentsorgung rechtfertigen
Frank Pfütze
Delitzsch. Im Fall Kreiswerke Delitzsch droht der Bundesrepublik ein
EU-Prozess. Nordsachsens Landrat Michael Czupalla (CDU) sieht dem
gelassen entgegen. Denn der Landkreis habe sich im rechtlich
einwandfreien Rahmen bewegt und mit juristischer Unterstützung sämtliche
Verträge nach bestem Wissen und Gewissen auf den Weg gebracht.
Ins Rollen gebracht hat den Prozess der Verein Sauberes Delitzscher
Land. Vereinsmitglied Dietmar Mieth reichte bereits vor Jahren in
Brüssel bei der Europäischen Kommission Beschwerde ein (wir
berichteten). Dieser geht die Kommission derzeit nach. Im Landratsamt
gehen der Chef der Behörde und seine Dezernenten derweil davon aus, sich
im vorgegebenen gesetzlichen Rahmen bewegt zu haben. "Das hat nichts
mit Schuldabweisung oder Vertuschung zu tun. Aber solche wichtigen
Verträgen denkt sich hier niemand im Hinterzimmer aus, die werden von
Juristen erstellt. Übrigens sind die Verträge auch Grundlage für den
öffentlich-rechtlichen Vertrag mit Cröbern. Unsere Rechtsanwälte haben
mir bestätigt, dass aufgrund der Vertragssituation zu keinem Zeitpunkt
eine europaweite Ausschreibung nötig war.
Natürlich hat in einer
Demokratie jeder das Recht, dagegen Beschwerde einzulegen. Was jedoch
nicht automatisch bedeutet, dass ein Beschwerdeführer im Recht ist. Für
mich ist es definitiv sicher, dass die Verträge bis 2025 rechtssicher
sind, so lange ist die Laufzeit", sagte Czupalla gestern auf Anfrage der
Kreiszeitung.
Der Landkreis war bislang über die Landesdirektion Leipzig und das
Sächsische Staatsministerium des Inneren aufgefordert, schriftlich
Stellung zu nehmen. Die Stellungnahmen des Landkreises gingen im
Dezember, Januar und April mit umfangreichen Anlagen - Verträge,
Beschlüsse zuständiger Gremien und weitere Materialien - jeweils
fristgerecht an die Landesdirektion Leipzig, teilt die Behörde per
Pressemitteilung mit. Der Landkreis Nordsachsen gehe davon aus, dass
diese Stellungnahmen sachgerecht in die Bewertung der Europäischen
Kommission eingehen werden.
Der FDP-Europaabgeordnete Holger Krahmer aus Leipzig sagt dazu: "Um
weiteren Schaden von Nordsachsen abzuwenden, muss der Landrat nun
handeln und die Delitzscher Müllentsorgung neu ausschreiben. Einen
Müllentsorgungsvertrag für 20 Jahre kündigungsfrei zu stellen kommt
einer Lizenz zum Gelddrucken gleich. Vor allem aber ist es ein Geschäft
zu Lasten der Delitzscher Bürger. Die zahlen dafür mit überhöhten
Abfallgebühren." Hier zeige sich, dass die häufig kritisierten Regeln
nicht dazu da seien, um Landkreise zu gängeln oder die regionale
Wirtschaft zu benachteiligen, sondern um Offenheit und Transparenz bei
der Vergabe zu schaffen.
Hintergrund: Wegen der Abfall-Entsorgungspraxis im Altkreis Delitzsch
bekommt die Bundesregierung Ärger mit der Europäischen Kommission. Man
verlange aus Berlin bis August eine Stellungnahme zu den Vorwürfen
illegaler Auftragsvergaben an die Kreiswerke Delitzsch, teilte die
Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland mit (wir
berichteten). Die Abfallbeseitigung im Altkreis Delitzsch wurde 1992
ohne Ausschreibung an die Kreiswerke vergeben, Darin sieht die EU eine
wesentliche "Änderung des Vertrages", die eine Neuvergabe nach EU-Recht
nötig gemacht hätte. Öffentliche Aufträge müssen in der EU europaweit
ausgeschrieben werden.
© LVZ-Online, 07.05.2010, 09:41 Uhr