Delitzsch
Lehnsherr im Förder-Paradies
Frank Pfütze/Christine Jacob
Foto: Manfred Lüttich
Wird der Bock zum Müller in Hohenroda?
Hohenroda. Mit einem offenen Brief wendet sich der Hohenrodaer Matthias von Hermanni an die Mitglieder des Gemeinderates Schönwölkau. Überschrift: „Zukunft der Gemeinde am Beispiel des Mühlengeländes Hohenroda“. Hermanni mahnt und klagt darin an und fordert. Die Kreiszeitung hat den offenen Brief zum Anlass genommen, das Vereinsleben und besagtes Mühlengelände in Hohenroda zu betrachten. Recherchen ergaben, dass von Hermanni das kritisiert, was unter ihm seit Jahren praktiziert wird: Projekte mit Fördermitteln und geförderten Arbeitskräften umsetzen. Sein „Ressourcenbündel“ hat dabei offensichtlich ebenso ausgedient wie die Mühle in Hohenroda.
Die aktuelle und die zu erwartende wirtschaftliche Situation der Gemeinde erzwinge es, dass sich die Gemeinde bezüglich der weiteren Verwendung und Bewirtschaftung des Mühlengeländes Hohenroda Gedanken machen müsse, so die Einleitung. Matthias von Hermanni holt weit aus, er schreibt von der Staatsschuldenkrise, von Stuttgart 21, auslaufenden Fördermitteln, dass das künftige öffentliche Handeln insbesondere unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit neu zu beurteilen sei und dass die Bewirtschaftung öffentlicher Einrichtungen über die Beschäftigungsförderung nicht mehr möglich sein wird. Da hat er Bürgermeister Volker Tiefensee (CDU) auf seiner Seite. Denn der hat sich mit dem Ortschaftsrat Hohenroda genau darüber Gedanken gemacht. „Wir sind in absehbarer Zeit nicht mehr in der Lage, die Mühle zu bewirtschaften und zu unterhalten. Darum hat der Ortschaftsrat entschieden, die Mühle zu verkaufen. Das Gelände behalten wir. Dort könnten ein Bolzplatz und ein Rodelberg entstehen“, blickt Tiefensee in die Zukunft. Die Mühle sei nicht zu halten. Für Tiefensee ist die Sache damit erledigt. Auf anonyme oder offene Briefe antworte er grundsätzlich nicht.
Von Hermanni schreibt weiter von einem Versuch, Förderprojekte still und leise abzuwickeln, in die zuvor mehrere 100 000 Euro Subventionen aus öffentlichen Kassen geflossen sind. Und er kommt am Ende seines Briefes auf den Punkt: „Ich empfinde es als beispielhaft und auch spannend, den Versuch zu unternehmen, ein Projekt – das nach meiner persönlichen Einschätzung den Steuerzahler bisher rund eine halbe Million Euro gekostet hat – zu retten und in ein durch die Bürger getragenes wirtschaftliches Konzept zu überführen.“ Heißt, er hat Interesse am Gelände und der Mühle. Den Gemeinderat Schönwölkau halte er für „geeignet, den Prozess zumindest anzuschieben“.
Er selber hat auf seinem Grundstück in der Luckowehnaer Straße 17 schon eine Menge angeschoben. Denn dort sind mehrere Vereine unter dem Dach-Verein „Ressourcenbündel“ auf seinem Grundstück vereint. Er „coache“ das Ganze. Das alte LPG-Gelände ist in den vergangenen Jahren saniert und umgebaut worden. Auferstanden aus Ruinen sind unter anderem ein Landgasthof und eine Pension. Mit Fördermitteln und geförderten Arbeitskräften. So gibt es auf dem Gelände beispielsweise auch ein großzügig ausgestattetes Computer-Kabinett, Versammlungs- und Schulungsräume, ein großes Lager mit Sachen, die getauscht werden können und eine Werkstatt. Es gibt aber auch Schweine im Stall und ein Schlachthaus. Alles gefördert, ebenso wie die Fotovoltaikanlage auf dem Dach und die Energieversorgung. Was inzwischen fehlt, sind die Auslastung und die Nutzer. Nach Ablauf der Zweckbindung gehört alles dem Antragsteller. Dazu von Hermanni: „Das Beste, was mir passieren kann, ist, wenn die Vereine pleite gehen.“ Stimmt, dann gehört ihm das alles.
Von Hermannis Ruf im Dort ist äußerst fragwürdig. Von Hermanni sei „skrupellos“, heißt es von zahlreichen Leuten, die einst in seinen Vereinen aktiv oder angestellt waren. Von Hermanni spiele sich als Guts- und Lehnsherr von Hohenroda auf. Ausgenutzt und ausgebeutet habe man sie, klagen ehemalige Mitarbeiter, wollen „mit diesem Mann“, so sagen viele von ihnen, „nichts mehr zu tun haben“. Die verbliebenen zwei geförderten Arbeitskräfte laufen in diesem Jahr aus. Seit 2011 sind zudem keine weiteren Maßnahmen bewilligt worden, weil von Hermanni und seine Mitstreiter die Nachhaltigkeit nicht nachweisen können und die Beschäftigung der Mitarbeiter nicht in dauerhafte Arbeit führt, kritisierten die Agentur für Arbeit und das Amt für Wirtschaftsförderung.
Die Wahrnehmung und öffentliche Darstellung der Vereine in Hohenroda – sieben präsentieren sich auf einer Tafel – sind sehr gering bis gar nicht vorhanden. „Vereinsleben gibt es dort nicht, zumindest ist mir nichts bekannt. Mir ist, seit die Familie von Hermanni hier wohnt, auch nicht bekannt, dass sie sich aktiv am Dorfleben beteiligt hat. Weder an den Turmfesten, Teichfesten oder Veranstaltungen auf dem Mühlengelände haben ich und andere Einwohner diese Nachbarn gesehen. Mit dem Verkauf des Mühlengeländes an von Hermani haben die Bürger Angst davor, dass das gesellschaftliche Leben im Ort stirbt, dass der Kultur- und Heimatverein seine Heimstatt, der Ort sein Gesicht verlieren, welches er mit der Mühle und dem dazu gehörenden Gelände erhalten hat“, sagt LVZ-Fotograf und Hohenrodaer Manfred Lüttich. Der Verein Mühlenregion bedauert den geplanten Verkauf der Mühle. Dies sei ein großer Verlust für die Gemeinde und die Mühlenregion Nordsachsen. Der Verein sei sehr daran interessiert, die Mühle möglichst an diesem Standort zu erhalten.
Mehr zu diesem Thema lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der Delitzsch-Eilenburger Kreiszeitung vom 11. Februar 2012 ab Seite 17.
© LVZ-Online, 11.02.2012, 01:00 Uhr