Delitzsch
Unbekannte schänden jüdischen Friedhof in Delitzsch
Frank Pfütze
Foto: Frank Pfütze
Alle Grabsteine sind von ihren Sockeln gestoßen worden. Die Täter haben flächendeckend den jüdischen Friedhof in Delitzsch verwüstet.
Delitzsch. Der jüdische Friedhof in Delitzsch wurde geschändet. Die Polizei informierte am Montag darüber, dass unbekannte Täter in der Nacht zu Sonnabend die Tür aufhebelten, die Gedenktafel am Eingang zerschlugen und alle Grabsteine umwarfen. Der Oberbürgermeister der Stadt, Manfred Wilde (parteilos), hofft, dass die Tat schnell aufgeklärt wird und bittet um Mithilfe.
Um 5.15 Uhr bemerkte am Sonnabend eine Streifenwagenbesatzung, dass die Tür zum Friedhof offen stand und die Gedenktafel zerschlagen am Boden lag. Der jüdische Friedhof zählt zu den Überwachungs-Schwerpunkten in der Stadt. Sehr schnell wurde das Ausmaß des Übergriffs deutlich. Alle Grabsteine lagen am Boden. Gestern Vormittag bat der Delitzscher Oberbürgermeister an den Tatort in die Hainstraße, um den Vandalismus öffentlich zu machen.
Anwesend war auch der Polizeichef der Stadt, Uwe Greischel. Er sprach von 30 Gabsteinen und schloss in einer ersten Reaktion einen politisch motivierten Hintergrund aus. „Es gibt dafür keine Anzeichen. Wir hatten viele Feiern und Feste am Osterwochenende. Möglich, dass hier Alkohol der Auslöser war“, so der Polizeioberrat. Der Staatsschutz habe die Ermittlungen übernommen. Ermittelt werde wegen Störung der Totenruhe. Das Strafmaß dafür reiche von einer Geldstrafe bis zu drei Jahre Gefängnis. Der erste Augenschein lässt für Greischel auf eine Tätergruppe schließen, weil einige Steine ziemlich schwer seien: „Wir haben jede Menge Spuren gesichert, die unsere Kriminal-Techniker nun auswerten. Die Rundumermittlungen laufen auf Hochtouren.“
Der Delitzscher Oberbürgermeister schüttelte den Kopf: „Was bewegt Menschen, so etwas zu tun?“, fragte er und fügte hinzu: „Ich hoffe, dass die Polizei die Täter schnell stellt“. Er berief gestern den Arbeitskreis gegen Extremismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt ein. Wilde wusste, dass es 36 Grabsteine auf dem Friedhof gibt. Jährlich einmal müsse laut Vorschrift auf allen Friedhöfen die Standsicherheit der Grabsteine geprüft werden, so dass der Wind als „Täter“ auszuschließen sei.
Die Stadt wolle sich nun mit der israelischen Religionsgemeinde in Verbindung setzen, die Eigentümerin der Ruhestätte ist. Wilde: „Wir werden selbstverständlich unsere Hilfe beim Aufbau anbieten. Ich appelliere an alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt, vor Vandalismus nicht die Augen zu verschließen und zur Aufklärung beizutragen. Die Täter müssen gefasst und zur Rechenschaft gezogen werden.“ Nach 1938 und 1976 ist es das dritte Mal, dass dieser Friedhof geschändet wurde. Hinweise nimmt das Polizeirevier in Delitzsch, Telefonnummer 034202/660, oder jedes andere Polizeirevier entgegen.
© LVZ-Online, 06.04.2010, 17:15 Uhr