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„Als Frauen verkleidete Männer“ spalten die Gedanken: einem Teil der Menschen sind sie egal, andere aber verachten sie, finden sie abstoßend. Doch es gibt auch noch die Gruppe derjenigen, bei denen sie wahre Begeisterungsstürme auslösen. Wie letzteres erreicht wird, war am vergangenen Wochenende im Delitzscher Bürgerhaus zu sehen. An zwei Abenden – Freitag und Samstag, beide ausverkauft – gastierte zum wiederholten Male die Show „Zauber der Travestie“.
Die Show und ihre Darsteller waren auf den ersten Blick genau das, was von ihnen erwartet wird: bunt, schrill und laut. Wer das wollte, wurde nicht enttäuscht, wer dies als Vorurteil mitbrachte, wurde bestätigt. Denn speziell einigen Herren im Publikum war anfangs deutlich anzusehen, dass sie eher aus Liebe zu ihrer Frau als aus Travestie-Interesse im Saal saßen. Das ging auch an Miss Chantal nicht vorbei. „Die Begeisterung ist Ihnen anzusehen“, stellte die Künstlerin fest und räumte gleich mit einer weiteren Befangenheit auf: „Und nein, wir werden euch nicht anfassen – das hättet ihr wohl gern!“
Nach nur wenigen Minuten und mindestens einem Dutzend Sprüchen unter der berühmten Gürtellinie hatte Chantal die Gunst des Publikums, wie in der Programmbroschüre versprochen, sicher. Wieso auch nicht: „Ich bin halt nur keine Frau mit Eierstöcken, sondern mit Eiern am Stock!“ Und zwar eine, die sich selbst nicht zu ernst nimmt, sondern über genau das richtige Maß Selbstironie verfügt. „Sehen Sie mich in den hintersten Reihen alle gut? – Sehr schön, denn von Weiten wirke ich zierlich“, scherzte die Diva ununterbrochen und – das muss ihr hoch angerechnet werden – brachte damit auch diejenigen zum Lachen, die noch immer mit verschränkten Armen und resigniertem Blick auf dem Stuhl saßen.
Dies schaffte nach kurzer Anlaufphase auch Leslie London, Chantals beste Freundin. Mit Hornbrille, vorstehenden Hasenzähnen und in ein kleines Dirndl gequetscht fühlte sie sich erst als Schönheitskönigin, parodierte dann Mireille Mathieu und ließ bei Dolly Parton letztlich nicht nur die Puppen tanzen. Etwas ruhigere Töne klangen mit dem Auftritt von Kevin an. Als Künstler schlüpfte er zum Song „I'd do anything for love“ von Meat Loaf in gleich drei Rollen und ließ die Grenzen zwischen Männern und Frauen endgültig verschwimmen.
Und dann gab es da noch Joy Peters. Durch ihren ersten Song und einige danach gesprochene Worte noch nicht besonders aufgefallen, sprach sie plötzlich das Thema Elvis und die Frage nach dessen Parodie an. „Eine Frau meinte letztens zu mir, ich solle das machen – im Spiegel fiel mir die Ähnlichkeit allerdings nicht gleich auf.“ In der Stimme dafür umso mehr. Die Augen geschlossen, hätte man sich sofort der Theorie „Elvis lebt“ anschließen können.
Diese Stimmgewalt, das „Auf-solchen-Schuhen-laufen-können“ und die Schminkkunst waren die Punkte, die der Nordic Walking Frauengruppe vom Gesundheitssportverein Aktiv Glesien am meisten imponierten. „Das ist hier absolut der Wahnsinn, wirklich unglaublich spitze“, schwärmten die sieben Damen, die bereits seit fünf Jahren jeden Dienstag gemeinsam laufen und selbst im „Stargast des Abends“ – der Pause – noch lautstark lachten und sich die Frage, ob sie beim nächsten Besuch der Show wieder dabei sind, gar nicht mehr stellten. Travestie scheint eben nicht nur „Verkleiden“ zu sein. Es ist Kunst: Kostümerie, Comedy, Gesang und Talent für all das. Viele Gründe, warum eben doch noch nicht alles zu diesem Thema gesagt sein sollte.