Eilenburg
"An Misshandlungen oder sexuelle Übergriffe kann ich mich nicht erinnern"
Frank Pfütze/Kathrin Kabelitz
Foto: Manfred Lüttich
Im Eilenburger Ernst-Schneller-Heim sollen Kinder und Jugendliche vor mehr als 30 Jahren sexuell belästigt worden sein.
Peter Giersch lebte von 1967 bis 1971 im Schneller-Heim. Er habe beide
Eltern mit sieben Jahren verloren, das sei der Grund für seine
Einweisung gewesen. Er könne sich nicht vorstellen, dass so etwas
passiert sei. „Erziehung war notwendig. Es gab auch mal eine drauf,
wenn man nicht gehört hat. Schließlich waren auch verhaltensauffällige
und sehr aggressive Kinder im Heim. An Misshandlungen oder sexuelle
Übergriffe kann ich mich nicht erinnern“, sagte Giersch, der heute in
Hessen lebt, am Mittwoch am Telefon.
Ein weiterer Betroffener
ist heute 48 Jahre alt. Er will anonym bleiben, leidet nach vielen
Jahren in DDR-Kinderheimen an einem posttraumatischen
Belastungssyndrom, ist suizidgefährdet und in ständiger psychologischer
Behandlung. „In Eilenburg war ich weniger als ein Jahr. Das war 1968“.
Der Mann, der heute in einem Bauwagen in Mecklenburg-Vorpommern lebt,
erzählt von Praktiken, „bei denen wir uns nackt hinstellen mussten,
Hände hinterm Rücken. Uns wurde ein Strahl Wasser auf die Brust
gespritzt. Wenn wir keine Luft mehr bekamen, wurde der Strahl auf die
Genitalien gerichtet.“
Den Begriff sexueller Missbrauch
verwendet er in Bezug auf das Eilenburger Heim nicht, spricht aber von
einer „Verletzung des Schamgefühls.“ Heute sieht er keinen Sinn mehr,
sich öffentlich zu wehren. „Meine Peiniger sind, wenn sie überhaupt
noch leben, über 80 Jahre alt.“ Die vielen Jahre in Heimen haben Spuren
hinterlassen: „Wir leiden das ganze Leben, sind nicht beziehungsfähig,
können nicht arbeiten gehen.“
Ob es auch schwere Straftaten
wie massive Körperverletzungen oder Vergewaltigungen gab, ist derzeit
unklar. Michael Wild, der im Januar in der
Schneller-Nachfolge-Einrichtung, dem Heim des Caritas St. Martin
Hilfeverbundes, eine Wanderausstellung zum Thema Heimgeschichte
organisiert hat, hat in der Vorbereitung darauf in den offiziellen
Unterlagen keine Spuren gefunden, die auf Vorfälle von sexuellem
Missbrauch oder auf Übergriffe hinweisen. Auch im Eilenburger
Polizeirevier gab es bis Mittwochnachmittag keine Anzeigen
diesbezüglich. „Wenn es Geschädigte gibt, können diese sich bei uns
melden. Wir werden dies bearbeiten“, so Ilka Peter, Sprecherin der
Polizeidirektion Westsachsen.
Die Chancen, diese zur Anklage
zu bringen, sind allerdings gering, wie eine Anfrage bei der
Staatsanwaltschaft Leipzig ergab. „Wir sehen aufgrund des Ergebnisses
der bisherigen Prüfungen und der daraus ersichtlichen fehlenden
Anhaltspunkte für eine (noch) verfolgbare Straftat keine Veranlassung
von Amts wegen ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt einzuleiten“,
so Sprecher Ricardo Schulz.
© LVZ-Online, 11.03.2010, 11:51 Uhr