Eilenburg
Anbläken oder nicht anbläken – das ist die Frage
Johannes David
Foto: Thomas Jentzsch
Illustre Runde, amüsierte Zuhörer: Joachim Hobusch, Gerhard Schumacher, Susann
Stephan, Wilfried Gröbner, Christian Kotzbau, Martin Hoffmeier, Heinz Ritter und Gerd
Stephan.
Eilenburg. So sieht man Sanny Stephan auch nicht alle Tage: Im langen roten Abendkleid moderierte sie am Freitag zusammen mit Martin Hoffmeier den Stammtisch der Eilenburger Fußball-Legenden. Das Duo entlockte seinen Gästen während der Festveranstaltung so manch ungeschminkt-unterhaltsame Wahrheit und blätterte gemeinsam ganz tief im Lexikon der Anekdoten.
Alterspräsident Gerhard Schumacher durfte die illustre Runde eröffnen und erzählte aus einer Zeit, da die Spieler noch mit dem Fahrrad zu Auswärtspartien fuhren („Wir kamen immer zu früh.“). Er erlebte den ersten großen Eilenburger Erfolg beim Landespokalsieg 1949 als Zuschauer mit, Doppeltorschütze Werner Meuche saß gerührt im Publikum. Am wohlsten habe sich Schumacher aber in einer anderen Rolle gefühlt. „Meine Schiedsrichtertasche ist immer noch gepackt“, verriet er. Selbstverständlich, er ist ja auch gerade erst 90 geworden.
Dagegen kommt Joachim Hobusch mit seinen 70 Lenzen geradezu als Jungspund daher, dem als einstige Offensivwaffe der 1960er- und 70er-Jahre seine Abwehr so manches graue Haar bescherte. So nannte er die Hintermannschaft - in Anlehnung an ein recht bekanntes Schauspielstudio - „Die Babelsberger“. Nebenbei erwähnt, verbindet ihn etwas ganz besonderes mit einer weiteren Mulde-Ikone: „Ich hab’ deine Schuhe vom Olympiasieg ’76 noch zwei Jahre getragen“, sagte Hobusch an Wilfried Gröbner gerichtet. Natürlich saß auch der angesprochene Goldmedaillengewinner von Montreal auf der Bürgerhaus-Bühne. Gröbner wiederum will seine Kontakte im Hier und Jetzt nutzen und stellte ein Training mit Dynamo-Dresden-Coach Ralph Lohse in Aussicht. „Vielleicht sogar ein Freundschaftsspiel, aber ich verspreche nichts.“
Ein Mann für ähnlich große Taten ist Gerd Stephan, der einst den Dorfverein LSV Mörtitz in die höchste sächsische Spielklasse führte und dann die Fusion mit Eilenburg vorantrieb. Stets aber blieb er selbstkritisch: „Als Trainer musste ich mich einmal selbst absetzen.“ So viel Einsicht wünscht man sich in der heutigen Zeit bei mehr als einem Bundesliga-Übungsleiter. Kurz darauf zweifelte Stephan daran, ob sein einstiges Erfolgsrezept auch heute noch greifen würde, das lautet ungefähr so: „Die einen kannste anbläken und die anderen kannste eben nich’ anbläken.“
Einer, auf den wohl eher Letzteres zutrifft, ist Christian Fischer. Der schoss in früheren Landes- und Oberligazeiten Tore auf Bestellung, hat aber auch seine Schwächen, um mit Achim Steffens zu sprechen: „Du hast ein Temperament wie ein toter Spanier.“ Immer noch besser als gar kein Temperament.
Übrigens hätte die heutige erste Eilenburger Mannschaft den jetzt schon legendären Legenden-Plausch fast verpasst. Trainer Rico Winkler wollte selbst zum Jubiläum nicht auf das obligatorische Abschlusstraining verzichten, mit, nunja, mäßigem Erfolg.
© LVZ-Online, 16.04.2012, 16:10 Uhr