Eilenburg
Kinderheim im Rackwitzer Ortsteil Biesen: Schläge mit der Eisenstange
Kay Würker
Biesen. Er war sieben Jahre alt, als er zum ersten Mal dieses
Haus betrat. Seine Mutter habe ihn hingegeben, weil er angeblich schwer
erziehbar gewesen sei, erinnert sich der gebürtige Eilenburger. Heute
ist er 43, lebt in Leipzig und erinnert sich nur ungern an die Zeit im
Kinderheim im Rackwitzer Ortsteil Biesen. Und doch sind die Eindrücke
von damals immer wieder gegenwärtig – erst recht in diesen Tagen, da so
viele ehemalige Heimkinder ihre Erlebnisse schildern.
„Ich war zwar
damals noch recht jung und vieles ist seitdem verblasst, aber manche
Erinnerung bleibt, die kriegt man nicht weg“, sagt der Betroffene
gestern im Gespräch mit der Kreiszeitung. Er wolle anonym bleiben, doch
er habe endlich den Mut gefasst, seinem Herzen Luft zu machen.
Die
Zeit, die den Ex-Eilenburger nach wie vor belastet, sind die Jahre 1973
und 1974. „Ich habe das Gesicht des Erziehers noch vor mir, der mich
und andere Kinder regelmäßig mit der Eisenstange geschlagen hat. Immer
wieder wurden wir auch unter die Dusche gezogen und eiskalt
abgespritzt.“ Körperliche Misshandlungen, an denen sich gleich mehrere
Erzieher und auch Erzieherinnen beteiligt hätten. An sexuellen
Missbrauch kann sich der 43-Jährige allerdings nicht erinnern. „Die
anderen Vorfälle waren schlimm genug. Ich bin heute noch wütend, dass
der damalige Staat das zugelassen und weggeschaut hat.“
Das Kinder-
und Jugendheim in Biesen ist weiterhin in Betrieb. Von den Erziehern
aus DDR-Zeiten sei jedoch keiner mehr da, berichtet die heutige
Leiterin Andrea Fiedler auf Nachfrage unserer Zeitung. Das Haus
befindet sich seit Mitte der 90er-Jahre in Trägerschaft des
Volkssolidarität-Kreisverbandes.
„Was vor der Wende hier
möglicherweise passiert ist, ist mir nicht bekannt“, sagt Andrea
Fiedler. Die Schilderungen des Opfers beschäftigen sie dennoch. „Ich
kann nur jedem, der negative Erfahrungen gemacht hat, ein offenes
Gespräch anbieten. Und zeigen, dass inzwischen vieles anders läuft.“
Die
Heimleiterin glaubt allerdings nicht, dass die Erlebnisse durchweg
schlecht waren. 2008 habe es vor Ort ein Ehemaligentreffen gegeben,
initiiert und organisiert von einstigen Heimbewohnern. „Sie sind
wiedergekommen, wollten teilweise sogar noch einmal hier übernachten.
Das ist ein gutes Zeichen.“
© LVZ-Online, 11.03.2010, 12:49 Uhr