„Das sind 35 Schicksale, die auf Hilfe angewiesen sind", sagte am Dienstag Merit Graf, ehrenamtliche Mitarbeiterin des Leipziger Vereins. Die Menschen, die in Geithain zur Tafel gehen, seien wirklich bedürftig und brauchten Hilfe. Deshalb habe sich der Vorstand diese Entscheidung auch keineswegs leicht gemacht. Doch man fahre am Limit und statt vielleicht einen Aufnahmestopp in allen acht Tafelläden des Vereins zu verhängen, habe man sich entschieden, die Ausgabe in Geithain ab 27. Februar zunächst einzustellen.
„Aufgrund der immer weniger werdenden Spenden, die uns die Märkte und Einzelhandelsgeschäfte überlassen, gelingt es dem eingetragenen Verein Leipziger Tafel nicht mehr, die Ausgabestelle Geithain mit den notwendigen Lebensmitteln zu beliefern", heißt es in dem am Montag in Geithain ausgehängten Schreiben, das Vorstandsmitglied Willy Remus unterzeichnet hat.
Vor allem an Obst, Gemüse, Joghurt, Butter, Käse und anderen frischen Lebensmitteln mangele es derzeit, erklärte Merit Graf. Angesichts dessen sei es nicht mehr möglich, die Menschen in den acht Ausgabestellen wie angestrebt zu bedienen. Jeder Tafelkunde bekommt dort üblicherweise drei Beutel – einen mit frischem Obst und Gemüse, einen mit Käse, Brotaufstrich, Wurst und anderer frischer Ware und einen Beutel mit Backwaren wie Brot, Keksen, derzeit viel Lebkuchen... Der Tafelkunde zahlt dafür eine Aufwandsentschädigung an den Verein: zwei Euro pro Erwachsener und einen Euro pro Kind.
„Unser Ziel ist, den Tisch unserer Tafelkunden etwas reicher zu decken, ihnen aber nicht die Verantwortung für ihr Leben abzunehmen", so Merit Graf. Deshalb kann sie auch nicht verstehen, wenn Märkte Lebensmittel offensichtlich lieber in die Tonne werfen als dem Verein zu überlassen – wohl in der Befürchtung, dass Tafelkunden nicht mehr in den Supermarkt kommen.
Dabei würden sich die Verkaufsstellen sogar die Entsorgung sparen, argumentiert die ehrenamtliche Helferin. Alle Lebensmittelspenden kommen nach Leipzig in die Jordanstraße, werden dort sortiert. Ein nicht unerheblicher Teil muss jeweils weggeworfen werden. Um mehr Lebensmittel für die Tafelläden zu haben, müsste der Verein seinen Radius erweitern, erklärte Merit Graf, das hieße: mehr Fahrkilometer, mehr Akquise und das gehe nur mit mehr Leuten. Ehrenamtliche Unterstützung sei dafür stets hochwillkommen. Denn ständig gesucht sind Märkte und Einzelhandelsgeschäfte, die Waren zur Verfügung stellen könnten. „In Geithain und Umgebung gibt es derzeit keinen Markt, der regelmäßig größere Mengen spendet", bedauerte Merit Graf. Und sie stellt in Aussicht: „Wenn es wieder besser geht, machen wir Geithain wieder auf, aber erst muss in der Region noch was passieren."
Bis dahin empfiehlt der Leipziger Verein den Geithainer Tafelkunden, Fahrgemeinschaften zu bilden und zur Tafel nach Borna zu kommen. Die Ausgabe dort erfolgt jeweils am Montagvormittag. Man werde sich bemühen, entsprechend etwas mehr Ware nach Borna zu transportieren, so Graf.
Die Fahrzeuge des Vereins jeden Tag zu besetzen – auch das sei übrigens derzeit ein großes Problem, schilderte sie. Eine Reihe von Arbeitsgelegenheiten sei gerade ausgelaufen, zehn neue habe der Verein bewilligt bekommen, doch die Bewerber dafür würden gerade erst Probe fahren. Nur Dank ehrenamtlicher Helfer könnten die Autos derzeit unterwegs sein.
Als sehr positiv hebt Graf hervor, dass der Verein den Raum im Haus der Kirche in Geithain kostenlos als Tafelladen nutzen kann. Eröffnet wurde er am 3. März 2008 auf Initiative des Kirchspiels Geithainer Land. Geithains Pfarrer Markus Helbig zeigte sich überrascht von der aktuellen Entwicklung. „Wir sind uns der Lücke, die das hinterlässt, bewusst und suchen intensiv nach einer Lösung, sie zu schließen, damit ein vergleichbares Angebot in Geithain erhalten bleibt", erklärte er auf LVZ-Nachfrage.