Leisnig. "Ohhh..." - ein Raunen geht durch die Menge, als Günther Rochel den Helm mit dem üppigen Federbusch aufgesetzt bekommt. Gerade hat Peter Knierriem, Burgleiter auf Mildenstein, den Leipziger in die originalgetreue Replik einer Reiterrüstung von 1550 verpackt. Der Helm ist die Krönung. "Eingesperrt fühlt man sich hier drin", informiert der blecherne Proband.
Mit Ehefrau Marianne und dem zehnjährigen Enkel Robert gehört Rochel zu den Gästen der ersten von mehreren Führungen zur gestrigen Entdeckertour mit dieser Zeitung. Eigentlich wäre Robert lieber selbst anstelle seines Großvaters in die Rüstung gestiegen, viele andere Jungs auch, die begeistert die Hände heben, als Knierriem nach einem Freiwilligen fragt.
"Bei uns zu Hause in Amerika gibt es nicht so viele Burgen", erzählt der Junge, der in jeden Sommerferien von Kalifornien zu seinen Großeltern nach Deutschland reist. Das Probieren der Rüstung muss er seinem Opa überlassen. Sie ist auf Peter Knierriem zugeschnitten, da passt also nur ein erwachsener Mann rein. Noch dazu bringt das Eisen um die 20 bis 30 Kilogramm auf die Waage. Roberts Frage, ob es denn nicht auch Rüstungen für Kinder gibt, muss Knierriem abschlägig beantworten: "Zumindest nicht hier. Nur ganz reiche Leute konnten es sich früher leisten, auch Rüstungen für ihre hochherrschaftlichen Sprösslinge anfertigen zu lassen."
Mal kurzzeitig über 100 Kilo zu wiegen, das sei ein seltsames Gefühl, lacht Günther Rochel, der soeben noch scheppernd durch den Rittersaal stakste. "Man gewöhnt sich aber erstaunlich schnell an das Gewicht. Und es drückt auch gar nicht auf den Schultern", sagt der Leipziger und erntet Applaus bei den Zuschauern, als er dem Schutzblech wieder zurück ins unbeschwerte Leben entsteigt.
Von Peter Knierriem erfahren die Zuschauer, dass die Kunst des Plattnerhandwerks, wie die Rüstungsmacher genannt werden, gerade im maßgerechten Schmieden von Ritterrüstungen besteht. Seine Rüstung sei in Tschechien geferigt. Wer meint, unbedingt eine haben zu müssen, darf Kosten von 3000 bis 6000 Euro nicht scheuen.
Am Ende inspizieren die Gäste einzelne Bauteile der Ritterrüstung, denn die Entdeckertour auf der Burg Mildenstein ist eine Veranstaltung "zum Begreifen und Anfassen", wie der Burgchef sagt. Einigen Jungs verhelfen Eltern oder Großeltern dann doch noch wenigstens zu Harnisch und Helm, damit für das Familienalbum ein Foto geschossen werden kann.
Derweil köchelt unten auf dem Burghof im Kessel überm offenen Feuer und unter Bewachung von Ritter Detlef von Ringsleben das Mittelalter-Süppchen mit Weißkraut, Bohnen, Mohrrüben, das Museologin Wibke Glöckner in der Schwarzküche für die Entdeckertour-Besucher zubereitet. Etwa 200 Esser hatte sie zu beköstigen, denn ein Entdeckertag auf Mildenstein macht hungrig. Für Robert aus Kalifornien und seine Großeltern war es ein erlebnisreicher Tag, sagt Oma Marianne Rochel: "Wir waren schon mehrere Male mit der Zeitung auf Entdeckertour. Sie ist immer bestens organisiert und sehr lehrreich. Machen Sie weiter so. Wir sind dabei."