Schkeuditz
Flughafen Leipzig/Halle begeht seinen 85. Jahrestag - „Ich bin der wohl älteste Fluggast"
Roland Heinrich
Foto: Roland Heinrich /privat
Walter Butter aus Leipzig hat 1929 an einem Rundflug am Flughafen Halle/Leipzig teilgenommen. Zuvor machten die vier jungen Männer des Radfahrvereins ein Foto mit ihren Freundinnen. Walter Butter ist rechts im Bild.
Leipzig/Schkeuditz. Am 25. April 1927 landete die erste Maschine auf dem neuen „Mitteldeutschen Zentralflughafen Halle/Leipzig“ in Schkeuditz. Dieser heute Flughafen Leipzig/Halle genannte Airport begeht in diesem Jahr seinen 85. Geburtstag. In loser Folge blickt die LVZ bis zur diesjährigen, großen Geburtstagsfeier am 16. und 17. Juni auf Begebenheiten in der Historie des Airports zurück.
„Wir vier Männer waren alle vom Radfahrclub RC-Tempo in Leipzig. Die Mädchen auf dem Bild waren bloß Freundinnen aber auch Mitglied im Club. Sie sind aber nicht mitgeflogen“, erzählte Walter Butter, als er ein Schwarz-Weiß-Foto mit einer Personengruppe vor dem Verwaltungsgebäude des Flughafens Halle/Leipzig aus dem Jahr 1929 zeigt. „Ich bin hier rechts“, sagte er und tippte auf das Foto. „Ich bin der wohl älteste Fluggast von Schkeuditz.“
Der am 28. April 1910 in Markranstädt geborene Butter war zum Zeitpunkt des Fotos 19 Jahre alt und feiert heute seinen 102. Geburtstag. Mit Beginn seiner Lehre zum Bäcker 1925 ist Butter nach Leipzig gekommen. Während des Krieges in Zeitz, im Elsass, bis „kurz vor Paris“, bis Stalingrad und dann in Gefangenschaft in Naumburg, kehrte Butter danach nach Leipzig zurück. Bis 1964 arbeitete er als Bäcker und weitere zehn Jahre bis zum Ruhestand im Leipziger Stellwerk und als Dispatcher bei der Deutschen Reichsbahn. „Zu Flugzeugen kann ich aber nicht so viel erzählen“, gesteht er.
Der Anlass für das historische Foto war ein Sonntagsausflug der vier Radrennfahrer, der im wahrsten Sinne des Wortes eigentlich ein Sonntagsrundflug werden sollte. „Mit welcher Maschine wir geflogen sind, weiß ich nicht mehr. Es war ein Rundflug über Leipzig und wir haben 18 Mark bezahlt – für alle vier“, wusste Butter noch.
„In den Flugzeugen gab es Papiertüten dafür, wenn einem mal übel wird“, sagte er. „Wir haben welche aus dem Flugzeug mitgenommen und dann hat einer von uns so getan, als ob im schlecht ist, dass haben wir dann fotografiert – zum Scherz“, berichtete Butter und schmunzelte. „Doch die Fotos habe ich nicht gefunden und von den Mitgereisten lebt ja keiner mehr“, erwähnte der Jubilar.
Seine Passion war das Radrennfahren. „Von meinem Lehrlingsgeld habe ich mir ein Rennrad gekauft – auf Abzahlung“, erinnerte sich Butter. „Das war in der Breslauer Straße im Fahrradladen Weber. Jeden Sonnabend bin ich von der Elsterstraße nach Schönefeld gefahren und habe dort meine fünf Mark für das Mifa-Rennrad bezahlt“, erzählte er und lachte. Bei drei Mark Lehrlingsgeld in der Woche im letzten Lehrjahr 1927 relativiert sich die scheinbar günstige Wochen-Rate.
Zunächst habe Butter mit einem Bäcker-Freund gemeinsam trainiert; immer an den Wochenenden. „Ich hatte eine Stelle in der Jahnstraße. Mit meinem vier Jahre älteren Freund bin ich dann an der ‚Guten Quelle‘ vorbeigekommen. Das war die Radclub-Kneipe an der Ecke Zschochersche Straße und Lauchstädter Straße. Wir haben gefragt, ob wir in den Verein eintreten können und sind dann für 50 Pfennig Beitrag Mitglieder geworden“, erinnerte sich der Senior.
„Erst sind wir noch keine Rennen gefahren. Wir haben trainiert, sind nach Rötha zur Rotweinschänke gefahren, zu meinen Eltern nach Markranstädt und zurück und um den Kulkwitzer See“, erzählte er. So 18 bis 20 Aktive seien sie damals im Club gewesen. „Meine längste Fahrt war von Leipzig nach Dresden und zurück – 244 Kilometer. Wir haben uns eine Banane ins Trikot gesteckt und dann ging es los. In Dresden gab es eine Suppe und 20 Minuten Zwangspause“, wusste Butter noch. „An unseren Rädern waren Holzfelgen. Auf denen war der Schlauchreifen aufgeklebt. Wenn man eine Panne hatte, musste man den neuen Schlauch, den man in der Trikot-Tasche hatte, aufziehen. Da der aber nicht richtig klebte, schlackerte der immer so. Aufpumpen musste man auch selbst; in der Zeit waren die anderen schon fort“, berichtete der ehemalige Rennfahrer.
Zu den deutschen Vierermeisterschaften in Leipzig seien dann sogar die Zeitungsausfahrer aus Berlin gekommen. „Die haben jeden Tag trainiert. Wir mussten von früh um vier bis abends um sieben arbeiten, am Wochenende sind wir dann um fünf aufgestanden und nach Oschatz und zurück 100 Kilometer gefahren. Fast jeden Sonnabend war ein Rennen“, sagte Butter. „Da ich das Wochenende zuvor ein Rennen gewonnen hatte, war der Sonntag darauf für den Ausflug trainingsfrei. Da haben wir uns für den Rundflug entschieden“, erklärte der Leipziger.
© LVZ-Online, 27.04.2012, 20:55 Uhr