Taucha
"Schnauze Wessi": Pöbeleien treffen den Ton
Reinhard Rädler
Foto: Reinhard Rädler
„Schnauze Wessi“ schreibt Holger Witzel – und bietet in seinem Buch lustig-böse Innenansichten eines geteilten Landes.
Taucha. Holger Witzel, wohnhaft in Leipzig, lebte zuvor einige Jahre in Berlin und Hamburg. Aber so richtig weg war er wohl nicht, denn mit seinem Buch „Schnauze Wessi – Pöbeleien aus einem besetzten Land“ trifft er genau den Ton, den hierzulande so ziemlich jeder versteht. Mit einer Buchlesung war Witzel, der 1992 ein Jahr lang auch mal LVZ-Redakteur war, ins voll besetzte Café Esprit gekommen.
Sind wir wirklich ein Volk? Die Gäste verfolgten mit Vergnügen seine versteckten oder direkten Anspielungen auf das Imponiergehabe der neuen Brüder und Schwestern oder auf falsche, weil nie verstandene westdeutsche Sicht- und Denkweisen auf die ostdeutsche Realität und Mentalität. Pikanterweise hat das Buch mit dem Gütersloher Verlagshaus ein Verlag aus der Region der Zielgruppe herausgebracht.
Köstlich und voller Ironie ist zum Beispiel seine Episode „Das Robinson-Regime“, in der er die Club-Urlaube der Neu-Bundesbürger in den abgeschirmten Clubanlagen beschreibt als „Pionierferienlager mit der ganzen Familie, in dem sie unter den gleichen Bedingungen Urlaub machen, unter denen sie gelitten haben – Animation und Gruppenzwang rund um die Uhr“. Und die pauschalen und polarisierenden Einschätzungen auf Erscheinungen der Ost-Kriminalität des Kriminologen Christian Pfeiffer befördert er zum „Pfeifferschen Drüben-Fieber“.
Als Stern-Journalist begibt er sich auf das schwierige Parkett der „Ost-West-Völkerverständigung“ und versucht in 30 Kolumnen, dem Phänomen des westdeutschen Halbwissens um die ostdeutsche Befindlichkeiten auf die Spur zu kommen, nimmt aber gleichzeitig die westdeutsche (seit 20 Jahren gesamtdeutsche) Realität auf die Schippe. „Da sie aber alles glauben, wenn es nur in ihr Weltbild passt“, wie der Journalist sarkastisch bemerkt, bleibt ihm am Ende seiner Geschichten meist nur ein „Schnauze Wessi“.
Die Initialzündung für seine Kolumnen kam bei Witzel, der unter dem Pseudonym Hans Waal auch „Die Nachhut“ schrieb, im Jahr 2009 mit den für ihn nervtötenden Jubiläumsfeierlichkeiten zum Mauerfall. Das ganze Gerede ging an den offensichtlichen deutsch-deutschen Missverständnissen vorbei, so dass er in stern.de Dampf abließ und das dann, nach vielen positiven, aber auch kontroversen Reaktionen, fortsetzte und schließlich in einem Buch zusammenfasste. Der 43-jährige Journalist schreibt beim „Stern“ über und um Deutschland-Ost sowie über Kriminalität.
© LVZ-Online, 19.04.2012, 11:53 Uhr