Wurzen
Aufklärung: Stalinismus-Opfer mit Schülern im Gefängnis Waldheim
Ingrid Leps
Hohburg/Watzschwitz. Waldheim kennen sie alle drei aus der schlimmsten Zeit ihres Lebens: Rolf Starke, Hartmut Brix und Horst Radigk saßen in der DDR als Politische hinter Gittern. Die drei gehören zur Wurzener Bezirksgruppe der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS). Sie treffen sich einmal im Monat mit zehn anderen, die erst seit zwanzig Jahren über die gravierenden Brüche in ihren Biographien sprechen können, ohne Gefahr zu laufen, wegen Verleumdung wieder im Gefängnis zu landen.
Der Bennewitzer Rolf Starke, Jahrgang 1929, war bis 1964 elf Jahre lang eingesperrt. Spionage, Sabotage und Bandenbildung waren nur einige der Anklagepunkte, die dem damals 24-Jährigen zur Last gelegt wurden – aus der Luft gegriffene Anschuldigungen. Starke ist ebenso wie die anderen voll rehabilitiert. Den Plan, seine Geschichte aufzuschreiben hat er aufgegeben. „Das hat keinen Sinn. Es glaubt mir kein Mensch, was ich erlebt habe, im berüchtigten U-Boot in Hohenschönhausen, im Stasi-Knast in Leipzig, in Waldheim und Brandenburg“, befürchtet der 81-Jährige, der seinerzeit lebenslänglich verurteilt war.
Doch gerade deshalb nutzen die Männer jede Chance, als Zeitzeugen dafür zu sorgen, dass Schicksale wie die ihren nicht in Vergessenheit geraten. „Zur Erinnerung gehört vor allem die Aufklärung“, zitiert Starke sinngemäß den Schriftsteller Stefan Heym. Die Aufklärung nämlich sei im Sande verlaufen, die meisten wüssten heute nicht, was damals los war. „Und wie wir als politische Häftlinge auch nach dem Gefängnis verfolgt und schikaniert wurden“, ergänzt Horst Radigk, in dessen Haus in Watzschwitz die drei gestern zusammenkamen.
Der Abschluss der zehnten Klasse blieb für ihn ein Wunschtraum, weil er „die DDR verraten hatte“, wie es hieß. Radigk, Jahrgang 1939, hatte sich nach der Armeezeit verknallt, war 1958 nach einem Besuch bei seiner Freundin im Westen geblieben. Eines Tages erhielt er ein Telegramm mit dem angeblich letzten Wunsch seines sterbenden Vaters. Die Depesche hatte die Stasi ausgebrütet, gleich hinter der Grenze klickten die Handschellen. Wegen Spionage und Sabotage machte Radigk zweieinhalb Jahre mit dem Roten Ochsen in Halle, mit dem Berliner Stasi-Knast und dem Justizvollzug in Waldheim Bekanntschaft.
Als ehemalige Häftlinge begleiten die drei am 18. und am 30. März Schüler der Mittelschule Falkenhain ins Gefängnis Waldheim, im April auch Wurzener Gymnasiasten. Bereits im vergangenen Jahr besuchten Zeitzeugen mit Schülern des Lichtwer-Gymnasiums das einstige sowjetische Speziallager Mühlberg an der Elbe. Das Geld für diese Aufklärungsarbeit, und dafür sind die Männer sehr dankbar, erhält die VOS-Bezirksgruppe von der Stiftung Kreistag Wurzen. Ohne diese Mittel wäre es noch schwieriger, junge Leute authentisch über ein dunkles Kapitel DDR-Geschichte aufzuklären.
© LVZ-Online, 15.03.2010, 16:08 Uhr