Wurzen. Es wurde dann doch eher ein gemeinsamer Erinnerungsabend als die „rege Diskussion“, die sich Gastgeberin Hannelore Dietzschold im Vorfeld erhofft hatte. In der „Parkhütte“ erinnerte die CDU-Landtagsabgeordnete an das politische Geschehen in den entscheidenden Monaten der Jahre 1989/90. Das Eintreten für Demokratie und Freiheit bezeichnete sie in diesem Zusammenhang als eine „Sache des Herzens“, die es ermöglicht machte, mit der „Tradition der Unterdrückung und Unfreiheit“ zu brechen. Fraktionschef Matthias Rieder verwies auf die großen Unterschiede bei der politischer Betätigung damals und heute. Seinerzeit, so Rieder, habe kein politischer Akteur wissen können, was auf ihn zukommt oder ob sich die Verhältnisse noch einmal drehen. Auch forderte er eine Abkehr von der nostalgischen Verklärung der DDR-Zeiten.
Breiten Raum bei der Veranstaltung nahm das Referat von Wurzens ehemaligem Oberbürgermeister Anton Pausch ein, der nicht nur Details seines persönlichen Werdegangs in der CDU preisgab, sondern auch seine Sicht auf den Wendeherbst darlegte. Vom immer deutlicher werdenden Verfall der DDR-Wirtschaft über die gefälschten Kommunalwahlen des Frühjahrs 1989 spannte Pausch den Bogen bis zu den ersten Montagsdemos. „Das System war krank“, resümierte der Ex-Stadtchef, der sich auch 20 Jahre danach noch über die Schnelllebigkeit der politischen Entwicklungen 1989 wunderte.
„Wurzen war damals mit Forderungen und Losungen immer einen Schritt hinter Leipzig“, gab Pausch zu. Dennoch sei das Tempo atemberaubend gewesen. Die Friedensgebete im Dom, große Versammlungen auf dem Markt und nicht zuletzt der hinhaltende Widerstand der verbliebenen SED-Eliten, die selbst unmittelbar vor den ersten freien Volkskammerwahlen diese noch zu hintertreiben suchten. Vor der Auszählung der Ergebnisse im März hätten viele Kandidaten der „Allianz für Deutschland“, zu der auch die CDU gehörte, „ein mulmiges Gefühl um die Magengegend gehabt“, erinnerte Pausch. „Die Autos standen vollgetankt bereit.“ Bei einem Wahlsieg der PDS wollten etliche der Aktivisten in den Westen flüchten. Man habe eben nicht gewusst, ob etwa Vergeltung drohe. „Es war eine verrückte Zeit“, lautete eine an diesem Abend häufige gewählte Formulierung.
Insgesamt überwogen in der Rückschau vor allem Erleichterung und Dankbarkeit, dass damals alles friedlich abging. Wer dagegen eine Stellungnahme zur Rolle der CDU vor der Wende und im Gefüge der DDR-Machtstrukturen erwartet hatte, wurde enttäuscht. Die bei der Veranstaltung präsentierte Ausstellung „Von der friedlichen Revolution zur Deutschen Einheit“ wird übrigens in den kommenden Wochen auch in den Gymnasien der Region gezeigt werden.